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Bessere Rahmenbedingungen für Innovation: Der Treiber für mehr Beschäftigung, Wachstum und Wohlstand in Europa

München, 24. Juni 2003

Zusammenfassung eines Vortrags von Roland Berger für die Presse, gehalten am 24. Juni 2003 in München

Europa hat sich mit der Lissabon-Strategie das Ziel gesetzt, bis 2010 der wettbewerbsfähigste Wirtschaftsraum zu werden. Ob wir dieses ehrgeizige Ziel erreichen können, scheint angesichts massiver Strukturschwächen in Deutschland und anderen europäischen Ländern heute mehr als fraglich.

Möglich aber ist es – vorausgesetzt, wir schaffen bessere Rahmenbedingungen. Denn Innovation ist der wichtigste Treiber von Beschäftigung, Wachstum und Wohlstand in einer offenen Weltwirtschaft.

A. INNOVATION ALS TREIBER VON BESCHÄFTIGUNG, WACHSTUM UND WOHLSTAND IN EINER OFFENEN WELTWIRTSCHAFT – SIEBEN THESEN

These 1: Drei Arten von Innovation treiben die volks-wirtschaftliche Entwicklung– auf unterschiedliche Weise

Erstens: Produkt- oder Leistungsinnovation, also das Erfinden und Vermarkten neuer Produkte und Dienstleistungen. Das schafft neue Märkte, kreiert zusätzliches Wachstum und weitere hochbezahlte Beschäftigung.

Zweitens: Strukturinnovation. Sie treibt den Wandel unserer Wertschöpfungsstrukturen, unserer Arbeitsteilung und damit auch unserer Beschäftigungsstrukturen voran. Also etwa die Transformation von der Agrar- zur Industrie- und nun zur wissensbasierten Dienstleistungsgesellschaft.

Drittens: Prozessinnovation, die letztlich zu höherer Produktivität führt und es ermöglicht, die Stückpreise zu senken und/oder die Arbeitseinkommen zu steigern. So erhöht Prozessinnovation den Wohlstand der Menschen.

Ein Gleichgewicht zwischen Beschäftigung, Wachstum und Wohlstand entsteht nur, wenn alle drei Innovationsarten gleichzeitig und ausgewogen greifen.

These 2: Leistungsinnovation sichert den Wohlstand in Hochlohnländern

Unseren Wohlstand im Hochlohnland Deutschland verdanken wir in erster Linie einer "Innovationsrente". Wie andere große Industrieländer sind wir in der Lage, Produkte und Dienstleistungen herzustellen und zu vermarkten, die andere Länder brauchen, aber selbst nicht herstellen können, weshalb sie unsere– vergleichsweise hohen– Preise und damit Löhne zahlen müssen. Dieser Hochlohnstatus stellt die "Innovationsrente" dar.

Nur solange wir die "Innovationsrente" beziehen, werden wir weiterhin auf unserer "Insel des Wohlstands" leben. Denn wer nicht innoviert, sondern nur imitiert, produziert Commodities, das heißt, er kann immer weniger Produkte und Dienstleistungen zu immer niedrigeren Preisen am Markt absetzen.

These 3: Leistungsinnovation schafft Wirtschaftswachstum

Je mehr Leistungsinnovation eine Volkswirtschaft erbringt, je höher also der Anteil der hochinnovativen Produkte und Wirtschaftszweige liegt, desto größer ist ihr Wirtschafts- und damit auch ihr Wohlstandswachstum. Denn die High-Tech-Sektoren der Wirtschaft wachsen überdurchschnittlich stark: In Deutschland verzeichneten die innovationsintensiven High-Tech-Bereiche in den letzten acht Jahren ein jährliches Wachstum von 9,4Prozent. Dagegen legten F¨E-schwache Industrien lediglich um 1,7Prozent, also nur um ein Fünftel, zu.

Vergleicht man die USA mit Deutschland, so werden die Folgen einer High-Tech-Orientierung deutlich: Die USA verzeichnen mit einem doppelt so hohen Anteil an High-Tech-Industrien (16,6Prozent vs. 9,0Prozent in Deutschland) ein weitaus stärkeres Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts als Deutschland (3,4Prozent p.a. zwischen 1991 und 2001 vs. 1,4Prozent p.a.). Gleiches gilt für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf, also das Wohlstandswachstum. Auch hier liegt Deutschland deutlich hinter den Vereinigten Staaten zurück.

These 4: Die Geschwindigkeit der Strukturinnovation ist neben der Arbeitsproduktivität der entscheidende Beschäftigungs-, Wachstums- und Wohlstandstreiber

Das Tempo der Strukturinnovationen steht für die Geschwindigkeit, mit der wir unsere Wirtschaftsstrukturen verändern und den Wandel von der traditionellen Industriegesellschaft hin zur wissensbasierten Dienstleistungsgesellschaft gestalten. Die Geschwindigkeit dieses Strukturwandels bestimmt in hohem Maße darüber, ob Beschäftigung, Wirtschaft und Wohlstand unseres Landes wachsen.

Gegenüber den USA ist Deutschland in dieser Hinsicht klar zurückgefallen: Bei uns bindet der sekundäre industrielle Sektor noch knapp 31Prozent der Beschäftigung, in den USA dagegen nur noch etwas über 20Prozent. Der private Dienstleistungssektor steht bei uns für gut 50Prozent Beschäftigung, während hier in den USA fast zwei Drittel aller Erwerbstätigen arbeiten. Hätten wir auf der Grundlage unserer hohen Industriewertschöpfung ein Mehr an High-Tech und Dienstleistungen, würden Beschäftigung und Wohlstand auch in Deutschland wachsen.

These 5: Globaler Wettbewerb um Arbeitsplätze drückt den Preis für Arbeit und somit den Wohlstand in Ländern mit schwacher Strukturinnovations-Leistung

Die nationalen Arbeitsmärkte lassen sich vom weltweiten Wettbewerb immer weniger abschotten. Ein deutscher Arbeitnehmer konkurriert indirekt mit seinem Kollegen in China. So wird der Preis zum Wettbewerbsparameter Nummer eins, falls es uns nicht gelingt, uns dem Preiswettbewerb durch Leistungsinnovation und durch rasche Strukturinnovation in andere Branchen zu entziehen.

Wenn, wie in Deutschland, das Arbeitsangebot seit mehr als 40 Jahren kontinuierlich schrumpft, müsste der Preis für Arbeit sinken. In Deutschland hingegen steigen die Arbeitskosten, deshalb erfolgt die Anpassung über die Menge– die Arbeitslosigkeit steigt. Wachstums- und Wohlstandsverluste sind die Folge.

Der Vergleich zwischen den USA und Deutschland zeigt, wie wichtig Strukturinnovation für neue Beschäftigung ist: Bei uns ist das Arbeitsvolumen allein in den letzten zehn Jahren von 60Mrd. Stunden auf unter 57Mrd. Stunden gesunken. Die Ursache findet sich in der langsamen Strukturinnovation: Der Anstieg des Arbeitsvolumens bei privaten Dienstleistungen (+25,8Prozent seit 1991) konnte den Rückgang in Industrie (-22,1Prozent), Landwirtschaft (-36,2Prozent), beim Staat und bei Handel / Verkehr nicht kompensieren.

Anders in den USA: Hier ist das absolute Arbeitsvolumen nicht geschrumpft, sondern im gleichen Zeitraum um fast 23Prozent, also um knapp ein Viertel, gewachsen. Denn in den USA konnten private Dienstleistungen (+38,9Prozent seit 1991) wie auch Handel und Verkehr (+62,0Prozent) enorm expandieren und dadurch das schrumpfende Arbeitsvolumen in Industrie und Landwirtschaft überkompensieren. Hinter dem Beschäftigungswunder in den USA steht also die schnelle Innovation der Wirtschaftsstrukturen, die schnelle Veränderung von der klassischen Industriegesellschaft zu einer neuen, wissensbasierten Dienstleistungsgesellschaft.

These 6: Innovationen in Deutschland – Dominanz in traditionellen Industriebranchen und von Großunternehmen

In mittel- und höherwertigen Industriesektoren wie Kraftfahrzeug- und Druckereitechnik oder im Maschinen- und Anlagenbau ist Deutschland nach wie vor Innovationsweltmeister. In den Zukunftsbranchen allerdings, also in besonders wachstumsstarken Sektoren wie Gen-, Nano- und Biotechnologie oder IT/Kommunikation, bleiben unsere Patentanmeldungen deutlich hinter denen der USA zurück.

Zudem unterscheiden sich die Innovationsmuster dies- und jenseits des Atlantiks. In Deutschland findet F¨E vorwiegend in den etablierten Großkonzernen statt. In den USA dagegen sind es vor allem die Start-ups, die die High-Tech-Innovation durchführen und damit die gesamte Wirtschaft stimulieren.

These 7: Wir investieren in Deutschland zu wenig in Leistungs- und Strukturinnovation und können dies durch unsere Stärken in der Prozessinnovation volkswirtschaftlich nicht kompensieren

Unsere F&E-Ausgaben sind absolut betrachtet zu gering und verzeichnen zudem sinkende Zuwachsraten. Stiegen sie in den 1980er Jahren noch um 7,3Prozent pro Jahr, so hat sich die durchschnittliche Wachstumsrate in den 1990er Jahren auf 3,4Prozent pro Jahr halbiert.

Beim Wirtschaftswachstum ergeben sich entsprechend signifikante Unterschiede: In den 80er Jahren betrug das jährliche Wachstum im Durchschnitt 2,5Prozent, im letzten Jahrzehnt nur noch 1,5Prozent. Das Beschäftigungswachstum lag in den 80er Jahren bei 0,7Prozent und schrumpfte im letzten Jahrzehnt auf weniger als ein Drittel dieses Wertes, also 0,2Prozent. Gleiches gilt für das Wohlstandswachstum: 3,1Prozent jährlich in den 80er Jahren, gerade noch 1,1Prozent im letzten Jahrzehnt.

B. SIEBEN ERFOLGSFAKTOREN INNOVATIVER UNTERNEHMEN

1. Innovationskultur begründen und den Zufall zulassen

Viele Innovationen sind per Zufall entstanden: Ob Röntgenstrahlen, Tesafilm, Penicillin, Viagra oder Klettverschluss, viele Erfindungen waren nur möglich, weil sie auf einem Nährboden von Leistungs- und Risikobereitschaft, Neugier, Experimentierfreude und Fehlertoleranz gedeihen konnten. Einen solchen Nährboden gilt es in jedem Unternehmen zu schaffen.

Das setzt voraus, dass Innovation als Unternehmensziel anerkannt und von einer unternehmerischen Führung vorgelebt wird. Freiräume für Mitarbeiter und bei Budgets, flache Hierarchien und offene Kommunikation statt bürokratischer Kontrolle sind die Voraussetzungen für eine stimulierende Innovationskultur im Unternehmen.

2. Bestehendes in Frage stellen

Erfolgreich ist nur, wer im Schumpeter'schen Sinne kreativ den Status Quo zerstört. Mit anderen Worten: Etablierte Erfolgsrezepte sind ständig in Frage zu stellen. Auf organisatorischer Ebene bedeutet das: Flexibilität und Veränderungswilligkeit müssen belohnt werden und temporäre Job-Rotation über alle Funktionen und Hierarchiestufen hinweg möglich sein.

Es gilt: Die Anpassungsfähigkeit eines Unternehmens muss stets größer sein als die Veränderungsgeschwindigkeit seines Umfelds.

3. Aus Mitarbeitern Unternehmer machen

Jeder Mitarbeiter muss unternehmerisch denken und handeln. Voraussetzung dafür sind eine dezentrale Organisation mit klaren Verantwortlichkeiten, Wettbewerb zwischen Mitarbeitern und Geschäftsbereichen sowie eine leistungsbezogene Vergütung und Karriereentwicklung.

In innovativen Unternehmen stellen Wettbewerb zwischen einzelnen Mitarbeitern und Teamarbeit keinen Gegensatz dar, sondern beide zusammen regen vielmehr den entrepreneurial spirit an. Innovation ist heute vielmehr das Ergebnis gegenseitiger intellektueller und auch emotionaler Befruchtung im Team, als das Resultat der genialen Idee eines einzelnen.

4. Professionelles Knowledge Management einführen

In einem innovativen Unternehmen partizipieren alle am Wissenspool. Jeder Mitarbeiter hat Zugang zum intern und extern generierten Wissen– das erfordert Investitionen in Technologie, Kultur, Organisation und Qualifizierung.

Das Etablieren einer Wissenskultur gelingt, wenn "Knowledge Sharing" belohnt wird, ohne Leistungswettbewerb zu behindern. Wer allerdings Herrschaftswissen einbehält, muss sanktioniert werden. Ein professionelles Wissensmanagement steigert Produktivität, Geschwindigkeit und Ergebnis aller Innovationsprozesse im Unternehmen.

5. Klare Innovationsstrategien definieren

Eine klare Innovationsstrategie basiert auf der detaillierten Kenntnis der Kunden und der eigenen Ressourcen– heute und in der Zukunft. Dies bedeutet, ein Unternehmen muss die Zukunftspotenziale seiner aktuellen Techniken und Produkte realistisch einschätzen.

Um künftigen Erfordernissen gerecht zu werden, gilt es heute Innovationen zu entwickeln. Wesentlich für den Unternehmenserfolg ist die Innovationsstrategie: Der First Mover muss mehr investieren, erntet aber die Früchte seiner Anstrengungen in Form hoher Erlöse und Marktanteile. Der Fast Follower kann erfolgreich sein, wenn er seine Produktions- und Marketingressourcen optimiert. Am ergiebigsten ist die Trendsetter-Strategie, wenn es, wie z.B. Microsoft, gelingt, Standards zu setzen.

Neben der Entwicklungsseite gilt es zudem, Produkt- und Dienstleistungsinnovationen mit der richtigen Strategie auf den Markt zu bringen. Ob First Mover oder Fast Follower, eine detaillierte Analyse von Chancen und Risiken der jeweiligen Innovationsstrategie ist unerlässlich.

6. Systematisches Nutzen externer Wissensquellen

Der Zugang zu Know-how durch die Vernetzung mit externen Wissensträgern stellt einen weiteren Erfolgsfaktor innovativer Unternehmen. Sie kooperieren auf lokaler und globaler Ebene mit Universitäten, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und anderen Innovatoren und Investoren. Ziel muss es stets sein, durch die Integration interner und externer Wissens- und Wertschöpfungsketten Innovationsführerschaft zu erlangen.

Innovationszyklen, -generatoren und -anwender sind heutzutage global unterschiedlich verteilt. Daher ist es nicht zuletzt von entscheidender Bedeutung, über globale Präsenz einen frühen Zugang zu neuen Technologien, ihren Generatoren und Anwendern zu bekommen.

7. Innovationsführerschaft durch den 3-S-Prozess

Innovative Unternehmen folgen der 3-S-Strategie (Speed, Share und Scale). Das heißt: Sie sind mit innovativen Produkten oder Dienstleistungen als erste auf dem Markt, erzielen so den größten Marktanteil in den relevanten Markt-segmenten und können folglich Größenvorteile realisieren, die ihnen wiederum geringe Stückkosten und hohe Margen sichern.

Mit einer konsequenten Umsetzung des 3-S-Prozesses können innovative Unternehmen ihren Wettbewerbsvorteil steuern und in weitere Neuerungen investieren, durch die sie ihre Position langfristig sichern und ausbauen können.

C. INNOVATION BRAUCHT IN DEUTSCHLAND EINEN POLITISCHEN PARADIGMENWECHSEL

Wir verwenden heute unsere finanziellen Ressourcen und unser Humankapital überwiegend zur Wahrung des Status quo. Die deutsche Staatsquote von ungefähr 48Prozent steht einer amerikanischen von nur 30Prozent gegenüber. Die Sozialquote in Deutschland liegt bei etwa einem Drittel, die amerikanische lediglich bei einem Fünftel des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts. Die Subventionsquote, die in Deutschland dem Erhalt des Status quo dient, beläuft sich auf knapp zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts gegenüber 0,4Prozent in den USA.

Bei den Investitionen in die Zukunft dagegen schneidet Deutschland schlecht ab: Wir investieren 5,6Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung, die USA hingegen 6,5Prozent. Wir investieren auch weniger in Forschung und Entwicklung: 2,5Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland gegenüber 2,8Prozent in den Vereinigten Staaten. Schließlich betragen unsere Ausrüstungsinvestitionen lediglich knapp neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in den USA jedoch 11,5Prozent.

Was ist zu tun? Die Rezepte liegen auf der Hand. Wir müssen den Mut haben, unsere Prioritäten zu ändern. Und dies muss sich in einer zukunftsorientierten Verwendung unserer Ressourcen niederschlagen, und zwar bei Arbeit und Kapitalressourcen gleichermaßen.

Wir müssen unsere Staatsquote von derzeit knapp 50Prozent auf unter 40Prozent zurückschrauben. Die Sozialquote sollte ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts nicht überschreiten. Deutschland könnte sich hier am europäischen Durchschnitt von 26Prozent orientieren. Führten wir die Subventionsquote von zwei auf ein Prozent zurück, ließen sich über 20Mrd.Euro sparen.

Gleichzeitig gilt es, die Ausgaben für Bildung auf mindestens sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf über drei Prozent und die Investitionsquote bei Ausrüstungsinvestitionen auf über zehn Prozent des BIP.

Wenn wir diese Maßnahmen umsetzen, haben wir in Deutschland wieder eine Chance für Wachstum von Beschäftigung, Wirtschaft und Wohlstand durch mehr und erfolgreiche Innovation.

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