Globale Pharmabranche sucht nach neuem Innovationsmodell
München, 4. September 2009
- Limitierte Budgets der Gesundheitssysteme und Finanzkrise erhöhen den Druck auf die Industrie
- 84 Prozent der Befragten sehen in Onkologie größtes Wachstums-Potenzial, gefolgt von ZNS (43%), Diabetes und Immunologie/Inflammation (je 42%)
- Produkte der Industrie entwickeln sich hin zu biologischen Medikamenten und Kombinationen aus Pharma und Diagnostik für gezieltere Therapien
- 59% der Befragten sehen Finanzierung außerhalb der Krankenkassen als wesentlichen Wachstumsfaktor
- Mehrheit der Befragten erwartet Restrukturierung des F&E Geschäftsmodells – geringe Forschungsproduktivität fördert externe Partnerschaften und weitere Auslagerung
Krankenversicherungen reduzieren Kosten, Patente laufen ab und der Wettbewerb durch Nachahmer steigt. Obwohl die Pharmafirmen weltweit mehr denn je in Forschung & Entwicklung (F&E) investieren, bleibt die Produktivität gering und Innovationen konnten die rückläufigen Umsätze bisher nicht ausgleichen. Die Unternehmen müssen Innovation also grundlegend neu definieren und ihr strategisch höchste Priorität einräumen. Die Roland Berger Studie "What's next? Innovating the concept of innovation in the pharmaceutical industry" analysiert Trends und Innovationskonzepte von Pharmaunternehmen weltweit, die vor allem patentierte, verschreibungspflichtige Medikamente herstellen. Die teilnehmenden Unternehmen repräsentieren 21 der 30 weltgrößten Pharmakonzerne sowie mehr als die Hälfte des globalen Pharmaumsatzes.
"Innovation ist die größte Herausforderung für die Pharmaindustrie", sagt Stephan Danner, für die Pharmabranche verantwortlicher Partner bei Roland Berger Strategy Consultants. "Durch den demographische Wandel wird der Bedarf an Medikamenten weltweit steigen, während gleichzeitig viele Regierungen gerade in Zeiten der Finanzkrise die Ausgaben für Gesundheit stärker als bisher kontrollieren." Nur echte Innovation kann diese Lücke füllen. "Die Pharmafirmen müssen ihr traditionelles Geschäftsmodell deshalb überdenken und der Innovation wieder oberste Priorität einräumen – noch vor dem Marketing." Die Studie identifiziert fünf Gebiete der Innovation, in denen sich Trends abzeichnen: Therapiegebiete, Produktportfolio, Finanzierungsmodelle, F&E sowie kulturelle Aspekte.
Innovative Therapien: Onkologie als größtes Wachstumsfeld
Bei den Therapiegebieten gehen 84 Prozent der Befragten davon aus, dass Onkologie das größte Wachstumspotenzial hat. Hier wird in den nächsten fünf Jahren am meisten investiert. Die stark wachsende Anzahl von Marktteilnehmern wird allerdings den Wettbewerbs- und Preisdruck im diesem Bereich stark erhöhen. Laut Teilnehmer der Studie sind ZNS, Diabetes und Immunologie/Inflammation (je etwa 40%) weitere Zukunftsmärkte. Die Kardiologie, einer der Wachstumstreiber der letzen Jahre, steht nur noch an sechster Stelle. Mittelfristig sehen die Befragten aber auch hier wieder Wachstumspotenzial.
Wachstumstreiber Biologische Medikamente
Im Bereich Produktportfolio erwarten 49 Prozent der Befragten innovatives Wachstum vor allem im Bereich biologischer Medikamente. Neben biologischen Medikamenten wird aber besonderes die Kombination aus Medikamenten und Diagnostik in der Produktpalette immer wichtiger. "Sie ermöglicht gezieltere Therapien, die die Krankenversicherungen gerade im Bereich sehr teurer Medikamente zunehmend fordern. Nur benötigen viele Firmen noch mehr als fünf Jahre, um das umzusetzen".
Neue Wege in der Finanzierung
Das globale Wachstum der Pharmaindustrie muss immer stärker auch außerhalb der Krankenkassensysteme und damit vom Patienten mitfinanziert werden. Gerade in den wachstumsstarken BRIC-Staaten hat sich die private Gesundheitsfinanzierung schon etabliert. Gleichzeitig entstehen aber auch in den etablierten Märkten angesichts des zunehmenden Kostendrucks innovative Partnerschaftsmodelle mit den Kostenträgern: Laut den Befragten stehen insbesondere Mehrwertmodelle (43%) und Risikoteilungsmodelle (38%) auf der Prioritätenliste.
Neuorientierung von F&E nach außen
Die Mehrheit der Befragten Unternehmen wird in nächster Zeit Ihr F&E Geschäftsmodell grundsätzlich restrukturieren. Angesichts der geringen Forschungsproduktivität hinterfragen immer mehr Manager die Notwendigkeit von großen internen Forschungsorganisationen und sehen die Kompetenzen der Pharmaindustrie eher im Bereich Entwicklung, Sicherung des Marktzugangs und Marketing und Vertrieb. 51% der Befragen möchten gerade im Bereich Forschung den Zugang zu Innovation über Kooperationen und Partnerschaften sichern. "Die Zeit der Industrialisierung von F&E im großen Stil ist vorbei. Die Firmen haben erkannt, dass heute anderen Kritieren zählen. Um die Innovationskraft und Rentabilität zu verbessern, müssen sie noch stärker Innovationsnetzwerke managen. Diese bestehen aus externen Forschungseinrichtungen, kleine Biotech-Unternehmen, aber auch traditionelle Wettbewerbern", sagt Danner.
Innovative Firmen suchen Talente auch in den BRIC Staaten
52 Prozent der Befragten halten die Unternehmenskultur sowie die Qualifikation von Arbeitskräften (42 %) für ausschlaggebend für die Innovationskraft eines Pharmaunternehmens. Besonders der Zugang zu Top Talenten in den BRIC Staaten gilt zunehmend als Wettbewerbsvorteil, da man sich hier neue und kreative Denk- und Arbeitsstrukturen erhofft. Auch die interne Unternehmenskultur wird als Wettbewerbsfaktor neu entdeckt. Zu oft sind F&E Abteilungen noch von bürokratischen Strukturen geprägt statt von Unternehmertum und Kreativität. Auch die Vergütungsstrukturen sollten nach Aussage der Befragten die F&E Mitarbeiter ermutigen, Innovation von außen zu suchen und zu akzeptieren.
"Die erfolgsverwöhnte Pharmabranche steht vor großen Umwälzungen. Gerade für sie muss Innovation wieder ganz oben auf der Agenda stehen", sagt Danner. "Innovation bezieht sich aber nicht nur auf neue Produkte, sondern betrifft das gesamte Geschäftsmodell der pharmazeutischen Industrie. Weniger Integration und mehr Kooperationen mit externen Partnern sind Grundvoraussetzungen für weiteres profitables Wachstum."
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