Tourismus: Zukunftsmarkt Osteuropa
2008
Während die Nächtigungen aus den traditionellen Herkunftsmärkten der österreichischen Tourismuswirtschaft unterdurchschnittlich wachsen, nimmt die Bedeutung der mittel- und osteuropäischen Länder (MOE) stark zu. Vor allem die schöne Landschaft und hohe Servicequalität machen Österreich zum attraktiven Reiseziel. Gäste aus MOE gelten als besonders attraktive Zielgruppe, da sie weniger preissensibel sind und im Urlaub tendenziell mehr ausgeben als Touristen aus Westeuropa. Österreichische Hoteliers sehen vor allem im russischen Markt noch großes Wachstumspotenzial, die neuen EU-Staaten Rumänien und Bulgarien werden noch unterschätzt. Das sind die zentralen Ergebnisse der neuen Studie "Zentral- und Osteuropa als Zukunftsmarkt für Österreichs Tourismus und Hotellerie" von Roland Berger Strategy Consultants und der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV), bei der die Länder Bulgarien, Serbien (inkl. Montenegro), Kroatien, Polen, Rumänien, Russland, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn untersucht wurden.
Der Anteil an Gästen aus den MOE-Staaten ist derzeit noch gering. 2007 entfielen gerade einmal 5,5 Prozent der Übernachtungen auf diese Region, wobei Ungarn mit einem Anteil von 22,6% die größte Gruppe stellte. Auf den Plätzen folgen Tschechien (20,8%), Polen (15,5%) und Russland (11,8%). "Was diese Region aber für die österreichische Tourismuswirtschaft interessant macht, ist das überdurchschnittlich hohe Wachstum der Märkte. Während westeuropäische Herkunftsmärkte fast stagnieren, sind in Osteuropa jährliche Zuwächse von über 10 Prozent die Regel", erklärt Thomas Reisenzahn, Generalsekretär der ÖHV. So wuchs der rumänische Tourismusmarkt seit 2000 um durchschnittlich 39,7% jährlich, der bulgarische um 17,4 Prozent. Ungarn, Russland und Tschechien verbuchten jährliche Wachstumsraten von über 12 Prozent. Zum Vergleich: Der für Österreich besonders wichtige deutsche Markt schrumpfte im Vergleichszeitraum jährlich um 1,4 Prozent, der österreichische Markt wuchs um ein Prozent, der niederländische um 3,5 Prozent p.a..
Rumänien und Bulgarien wachsen am schnellsten
Doch nicht nur die Märkte wachsen. "Gäste aus den MOE Ländern verlängern ihren Aufenthalt tendenziell, während in den traditionellen Herkunftsländern die Aufenthaltsdauer rückläufig ist. Gäste aus Russland blieben im Vorjahr etwa um durchschnittlich 0,7 Tage länger als im Jahr 2000, Deutsche und Österreicher verkürzten ihren Aufenthalt um einen halben Tag. Dazu kommt, dass die Einnahmen von Gästen aus der Region überdurchschnittlich wachsen. Haupttreiber sind hier russische Touristen, deren Ausgaben in den vergangenen sieben Jahren um über 30 Prozent pro Jahr gewachsen sind", sagt Dr. Julian Pötzl, Studienautor und Tourismusexperte im Wiener Büro von Roland Berger. Kein Wunder also, dass vor allem in Wien und Tirol das Potenzial russischer Gäste als besonders stark wahrgenommen wird. Die beiden Bundesländer stehen schon jetzt bei russischen Städtetouristen und Wintersportlern ganz oben auf der Agenda. "Die Länder mit den höchsten Wachstumsraten – Rumänien und Bulgarien – haben sich jedoch noch nicht als Zukunftsmarkt etabliert", so Pötzl.
Öffnungszeiten und Verkehrsinfrastruktur als Hindernisse
Die Studie widerlegt ein weiteres Vorurteil über Gäste aus MOE: "Entgegen der landläufigen Meinung sind die Gäste aus Westeuropa die deutlich preissensibleren und nicht die aus dem Osten", so Reisenzahn. Es sind die schöne Landschaft, Sauberkeit und Qualität, die Österreich zu einem attraktiven Reiseziel machen. Für russische Gäste sind darüber hinaus Einkaufsmöglichkeiten wichtig. Das gemeinsame geschichtliche Erbe, niedrige Preise und kulturelle Nähe spielen hingegen keine Rolle bei der Wahl des Urlaubsorts Österreich. Gegen die Alpenrepublik sprechen – vor allem bei russischen Gästen – restriktive Öffnungszeiten und strenge Einreisebestimmungen. Gäste aus Mittel- und Osteuropa beklagen auch die schlechte Verkehrsanbindung. "Hier zeigt sich, dass noch immer zu wenig in den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur zu unseren östlichen Nachbarn getan wurde."
Angebot für Gäste aus MOE wird ausgeweitet
Die österreichischen Hoteliers reagieren auf den Zustrom aus Russland und MOE. 56 Prozent der befragten Betriebe stellen Mitarbeiter mit entsprechenden Sprachkenntnissen ein, wobei hier Wien und Tirol führend sind. 32 Prozent bieten Informationsmaterial in MOE-Sprachen an und 20 Prozent haben ihre Website entsprechend adaptiert, wobei die meist verwendeten Sprachen Russisch, Kroatisch, Ungarisch und Tschechisch sind. Kärntner Betriebe reagieren vor allem mit mehrsprachigen Speisekarten auf die neue Zielgruppe. Darüber hinaus plant die Mehrheit der österreichischen Beherbergungsbetriebe eine stärkere Ausrichtung auf Gäste aus MOE und Russland. Vor allem Sprachkurse für Mitarbeiter werden bereits angeboten.
64 Prozent der Befragten sind zumindest eine Kooperation mit einem Reiseveranstalter aus MOE oder Russland eingegangen. Nur mit Veranstaltern in Rumänien und Bulgarien wird noch sehr selten zusammengearbeitet. "Es stellt sich die Frage, ob die Werbemittel auch richtig eingesetzt werden. Denn diese beiden Ländern sind die zentralen Wachstumsmärkte der Region und es geht großes Potenzial verloren", fasst Pötzl die Situation zusammen. Der Berater empfiehlt die Fokussierung auf die regionalen Wachstumsmärkte, die Ausnützung des gesamten Portfolios an Marketinginstrumenten und das Ablegen von Stereotypen. Von der Politik fordern die Studienautoren eine Verbesserung der Rahmenbedingungen bei Einreise- und Visaformalitäten und längere Öffnungszeiten der Geschäfte. "Auch die Öffnung der Arbeitsmärkte wirkt sich positiv auf den Tourismus aus. So ist Großbritannien, wo besonders viele Polen arbeiten, auf der Beliebtheitsskala der Urlaubsorte an zweiter Stelle", so Pötzl.

