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Gründerland? Mehr Mut zum Mut.

Gründerland? Mehr Mut zum Mut.

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Am Ende gab es keinen Zweifel: Das Gründerland Baden-Württemberg – und mit ihm ganz Deutschland – kann "viel Zeit damit verlieren, einem vermeintlichen Vorbild hinterherzulaufen". Frank Mastiaux, Chef des Energiekonzerns EnBW, warnt davor, dass deutsche Gründer nur aufs Silicon Valley starren, statt sich eigener Stärken bewusst zu werden: unsere Hochschulen, unsere Infrastruktur, unsere Unternehmerpersönlichkeiten, die als Unterstützer und Finanziers in Frage kommen. Also nur mehr Mut, eine eigene Identität zu entwickeln. "Dann sind unsere Gründer eben anders als in Palo Alto, na und?" Großer Applaus.

Philipp Leutiger: Keine Angst vor großen Visionen

Doch ganz so einfach ist es nicht. Zwar gibt es viele Gründer, denen es gut geht, aber wir hatten in Deutschland lange keine mehr im Weltmaßstab. 50.000 bis 60.000 Gründungen allein im Silicon Valley: Deshalb muss unser Anspruch sein, mehr zu machen.

Zum ersten Mal war die Rotunde der L-Bank Veranstaltungsort unserer Reihe "Stuttgarter Gespräche", zu denen wir als Unternehmensberater regelmäßig gemeinsam mit der Stuttgarter Zeitung und der L-Bank einladen.

L-Bank-Chef Axel Nawrath konterte meine These, sprach von Mystifizierung der USA. Er wandte sich vor allem gegen eine Mentalität von Gründern, die vor allem schnell reich werden wollten. In Baden-Württemberg hingegen strebten Gründer mehrheitlich danach, selbständig zu sein, ein mittelständisches Unternehmen zu führen, dort im Südwesten – wo Innovationen innerhalb der Industrieunternehmen wie Bosch, ZF, Daimler entstünden, daher komme Startups nicht die Bedeutung zu wie in desindustrialisierten Regionen. Eine Spitze gegen Berlin. Entschieden wandte sich Nawrath gegen die Attitüde, nach der man beim Gründen das Scheitern von vornherein in Kauf nehmen müsse: „Wir erheben Scheitern gerade zu einem Kult. Wir baden uns fast darin." In den USA sei das nicht zu hören: Scheitern ist dort keine Option.

Unsere "Stuttgarter Gespräche" kreisen um die großen Debatten der deutschen Wirtschaft

Natürlich hat er genüsslich überspitzt. Kein deutscher Gründer will scheitern, aber wir müssen mutiger werden als bisher – als Unternehmer und als Gesellschaft. Ich bin überzeugt: Ein schnelles Nein ist die zweitbeste Antwort. So halten es die Amerikaner. Es heißt nichts anderes, als dass es besser ist, früh zu scheitern und die richtige Richtung zu erkennen, statt sich zu lange zu verrennen, nur weil ein Produkt oder Service gleich perfekt werden soll. In diesem Sinne wünsche ich mir mehr Unternehmergeist in Deutschland.

Ingmar Hoerr, Gründer des Tübinger Biotechnologie-Unternehmens Curevac, sagte es auf seine Weise: Man braucht Mut, auszubrechen, langen Atem und ein gutes Team, das den Initiator weiterbringt. Man muss mit dem Wandel des Unternehmens umgehen, und nötigenfalls auch mit Trennung von Menschen.

Thilo Sautter von der Beteiligungsgesellschaft Cinven ergänzte, wie wichtig die passenden Geldgeber sind: Viele Investoren fragten, wann sie ihr Geld zurückbekommen, sein Unternehmen wolle wissen, wann der Gründer das eingesetzte Kapital verdoppele. In Deutschland gebe es keine günstige Eigenkapital-Kultur, während in den USA viel Geld in Pensionsfonds fließe, die zum Investieren verdonnert seien. Interessant, dass das niemand in Frage stellte – in einem Land, in dem die Sicherheit der Renten ein hohes Gut ist. Aber es ging ja ums Gründen.

Unternehmen müssen schneller werden: Thomas Rinn mit der Zeitung vom folgenden Tag

Mein Partner-Kollege Thomas Rinn stellte sich am Ende auf die Seite von Mastiaux. Die enge Kopplung zwischen etablierten Firmen und Gründern ist ein Vorteil für Start-ups in Baden-Württemberg. Doch bisher reagieren etablierte Unternehmen noch nicht in der Geschwindigkeit, wie sie sich Gründer wünschen.

Mehr Mut zum Mut, sage ich nur. Wir dürfen keine Angst vor den großen Visionen Im Digital-Jargon heißen sie „Moonshots“. Ist das nicht verlockend?

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