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Trump – eine Chance für Europa

Trump – eine Chance für Europa

Portrait of Stefan Schaible
Senior Partner, Deputy CEO, Managing Partner Germany
Frankfurt Office, Zentraleuropa
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Donald Trump demonstriert in diesen Tagen eindrucksvoll, dass er seine Wahlkampfankündigung des „America first“ in die Tat umsetzen wird. Per Dekret versucht er, die heimische Wirtschaft durch einen Rückfall in Protektionismus zu stärken und zu schützen. Mittelfristig werden die unter diesen „Schutz“ fallenden US-Industrien aber an Wettbewerbsfähigkeit verlieren und zudem in einen Fachkräftemangel steuern – nicht zuletzt, weil der 45. Präsident aktuell mit allen und jedem in Streit zu geraten scheint und die Grundfesten der Einwanderungsnation USA erschüttert. Mit bisher unabsehbaren Folgen.

Das könnte uns in Europa veranlassen, uns entspannt zurückzulehnen und darauf zu bauen, dass sich das Problem von selbst erledigt. Doch das wäre sicher die falsche Strategie. Auch Deutschland und Europa werden die Entwicklungen treffen. Die Unsicherheiten des Wann, Was und Wie stellen jede wirtschaftliche Entscheidung infrage und werden das Wachstum nicht gerade fördern. Aber wie soll sich Europa auf der neuen politischen Landkarte positionieren?

1. Digitalisierung entschlossen nutzen

Erstens: Europa muss die Digitalisierung entschlossen als Treiber für bessere Produkte und höhere Wettbewerbsfähigkeit nutzen. Die Kombination aus industrieller Kompetenz und digitalen Talenten macht uns schon heute zu einem Spitzenstandort in Sachen „deep tech“ – also Technologien, die als Grundlagen digitaler Endkundenprodukte dienen. Dazu zählen Technologien im Bereich künstliche Intelligenz, Robotik, oder Virtual- und Augmented Reality. An dieser Schnittstelle wird über die Wettbewerbschancen der Zukunft entschieden. Und wer wäre hier besser aufgestellt als wir mit unserer einmaligen Kombination aus Ingenieurs- und Programmierkunst?

Wer nun einwendet, im Bereich Programmierung hätten wir Nachholbedarf, dem sei entgegnet: In Europa gibt es 4,7 Millionen professionelle Entwickler, in den USA 4,1 Millionen. Mit dem Unterschied, dass diese in den USA vorwiegend in IT und Software-Unternehmen arbeiten, in Europa aber vorwiegend in der Industrie. Das ist unsere Chance.

2. Eigeninteressen offensiv absichern

Zweitens: Europa muss seine Eigeninteressen im Bereich Serviceindustrien und Digitalisierung offensiv absichern. Bislang gab es eine Art ungeschriebenes Gesetz, dass die Europäer ihre Eigeninteressen bei den Serviceindustrien zurückstellen und im Gegenzug freien Marktzugang bei produzierenden Gütern in den USA erhalten. Diese Abmachung wird jetzt durch die USA teilweise aufgekündigt. Mit plumpen Gegenmaßnahmen sollten wir vorsichtig sein. Wir lassen uns die Überzeugung nicht nehmen, dass internationaler Handel einer Winwin-Logik folgt. Aber: Wir brauchen insgesamt mehr Wettbewerb. Aber vor allem müssen wir den Flickenteppich nationalstaatlicher Regeln überwinden und einen einheitlichen digitalen Binnenmarkt schaffen. Dazu gehört auch die Durchsetzung klarer Marktregeln, damit die Hegemonie einiger mächtiger Internetplattformen einem echten Wettbewerb in der Digitalwirtschaft Platz machen kann. Verbraucher sollten die Möglichkeit haben, alle Daten von persönlichem Wert auf andere Plattformen mitnehmen zu können.

3. Anwalt faktenbasierten Handelns sein

Drittens: Europa muss sich zum Anwalt faktenbasierten Handelns machen. Mit der Digitalisierung hat sich die Informationsgesellschaft radikal verändert. Jede Position und Meinung ist heute irgendwo digital abrufbar und damit durch eine Quelle belegt. Dadurch werden „postfaktische“ und selbstreferenzielle Subsysteme möglich, die ihre eigene, abgeschottete Wahrheit kreieren. Diese Tendenz hat nach den „alternativen Fakten“ zur Amtseinführung in den USA auch höchste politische Kreise der westlichen Welt erreicht und wird das dominierende Thema der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz sein.

Eine aufgeklärte und freiheitliche Gesellschaft wird aber nicht überleben, wenn sie den Bezug zum Faktischen verliert. Derzeit wird versucht, das Problem des Postfaktischen mit „Wahrheitschecks“ durch gemeinnützige Organisationen wie „Correctiv“ oder „Mimikama“ in den Griff zu bekommen. Doch damit werden die Möglichkeiten der Digitalisierung nicht einmal im Ansatz ausgeschöpft. Technisch sollte es ohne weiteres möglich sein, die Ergebnisse bei Suchmaschinen oder Kommunikationsplattformen direkt mit digitalem Faktencheck zu verbinden. Ein grandioses Geschäftsmodell für europäische Start-ups. Ich würde investieren!

"Europa hat dem Protektionismus eines Donald Trump viel entgegenzusetzen. Wir müssen die Zeit nutzen."
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Stefan Schaible
Senior Partner, Deputy CEO, Managing Partner Germany
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Fazit: Wir haben dem Protektionismus eines Donald Trump viel entgegenzusetzen. Europa muss die Zwischenära seiner Amtszeit nutzen, um sich neu aufzustellen. Das ist – keine Frage – eine große Herausforderung. Aber auch eine einmalige Chance: Wirtschaft und Politik in Europa sind gefordert, aufeinander zuzugehen und unsere Zukunft energisch in die Hand zu nehmen.

Dieser Text ist am 15.2.2017 zuerst als Gastbeitrag im "Handelsblatt" erschienen.

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