Roland Berger’s Future of Health 7 study reveals how equity, coordination, digitalization, prevention, resources, governance and innovation shape resilient healthcare systems worldwide.
Future of Health 8: Resilienz von Gesundheitssystemen
81 % der Gesundheitsexperten sagen, dass Resilienz wichtiger ist denn je – doch nur wenige Systeme sind tatsächlich vorbereitet
Gesundheitssysteme weltweit erkennen, wie dringend das Thema Resilienz ist. Doch das Bewusstsein allein reicht nicht aus: Den meisten fällt es schwer, daraus finanziell hinterlegte Prioritäten und konkrete Vorsorge zu machen. Die achte Studie der Reihe „Future of Health" von Roland Berger geht auf Basis einer Befragung von 486 hochrangigen Experten aus der gesamten Gesundheitsversorgungskette sowie einer vergleichenden Länderanalyse der Frage nach, was Resilienz in der Praxis tatsächlich bedeutet, wo Gesundheitssysteme heute Lücken haben und was Regierungen, Krankenhäuser, Versicherer sowie Pharma- und Medizintechnikunternehmen tun sollten, bevor das nächste Störereignis eintritt.
• 81 % der befragten Experten sehen Resilienz als zunehmend wichtiges Thema für Gesundheitssysteme. Dennoch verfügt nur ein kleiner Teil der Organisationen über ein eigenes Resilienzbudget.
• 73 % sprechen sich dafür aus, bei Investitionsentscheidungen Resilienz vorrangig zu behandeln – statt ausschließlich auf Krisenreaktionen zu setzen. Trotzdem nennen alle Stakeholdergruppen Budgetengpässe als häufigstes Hindernis.
• Kein einziger Befragter hält sein Gesundheitssystem für vollständig gerüstet, um geopolitische Konflikte zu bewältigen. Nirgendwo klaffen Anspruch und Wirklichkeit weiter auseinander.
Gesundheitssysteme waren schon immer mit Veränderungen konfrontiert. Was sich verändert hat, ist die Gleichzeitigkeit des Drucks und die Art, wie verschiedene Belastungen sich gegenseitig verstärken. Akute Schocks wie Pandemien, Cyberangriffe und geopolitische Konflikte treffen auf chronische Probleme wie Fachkräftemangel, demografische Alterung und Klimawandel. Die eigentliche Frage ist deshalb nicht mehr, ob Gesundheitssysteme in Bedrängnis geraten, sondern ob sie so aufgestellt sind,
"Das Bewusstsein für Resilienzrisiken ist weit verbreitet. Der strukturelle Wille, Resilienz zu finanzieren, ist es nicht."
Die Dringlichkeit ist klar, die Strategie nicht
81 % der Befragten sehen Resilienz als zunehmend wichtig an – das gilt in allen Regionen, wenn auch mit Unterschieden im Detail: In Deutschland rechnen 86 % mit einer wachsenden Bedeutung des Themas, in der Schweiz sind es 79 %, in Japan 60 %. Was dahinter steckt, ist bemerkenswert breit – und gleichzeitig wenig handlungsleitend. Sobald es um konkrete strategische Weichenstellungen geht, gehen die Meinungen deutlich auseinander.
Fünf Zielkonflikte zeigen, wo der Konsens endet. Bei der Abwägung zwischen Vorsorge und Bezahlbarkeit befürworten 73 % der Befragten, Resilienz bei Investitionen vorrangig zu behandeln. Versicherer bilden dabei eine auffällige Ausnahme: Mehr als 40 % von ihnen setzen Kostenbegrenzung höher als proaktive Vorsorge. Zwischen strukturierter Krisenplanung und flexibler Reaktionsfähigkeit sind die Lager nahezu gleich groß. Bei der Frage nach öffentlicher oder privater Verantwortung sprechen sich 60 % für staatliche Federführung aus – in den USA hingegen befürwortet eine Mehrheit eine stärkere Rolle des Privatsektors. Ähnlich gespalten sind die Antworten zur nationalen Versorgungsautarkie versus internationaler Kooperation und zur zentralen versus dezentralen Steuerung. Diese Meinungsverschiedenheiten sind keine akademische Fußnote. Sie erklären, warum viele Gesundheitssysteme trotz guter Absichten beim Thema Resilienz kaum vorankommen.
Wo Gesundheitssysteme besonders verwundbar sind
Die Studie unterscheidet acht Belastungsfaktoren in zwei Kategorien. Akute Schocks – Naturkatastrophen, Gesundheitsnotfälle, geopolitische Konflikte und Cyberangriffe – bündeln alle Anforderungen an Resilienz auf engem zeitlichem Raum. Die Corona-Pandemie hat in 92 % der von der WHO untersuchten Länder essenzielle Versorgungsleistungen beeinträchtigt. Im Jahr 2023 zählte der EU-Gesundheitssektor 309 Cybersicherheitsvorfälle, davon 54 % Ransomware-Angriffe. Deutschland prüft derzeit, ob das eigene System in einem militärischen Notfall-Szenario bis zu 1.000 schwer verwundete Soldaten pro Tag versorgen könnte – eine Frage, die erhebliche Lücken in Traumaversorgung und Logistik offenlegt.
Chronische Belastungen – Fachkräftemangel, demografischer Wandel, Klimawandel und ungesunde Lebensstile – verändern die Systemgrundlagen langsam, aber nachhaltig. Bis 2030 fehlen in Europa voraussichtlich 4,1 Millionen Beschäftigte im Gesundheitswesen. Der OECD-Altenquotient dürfte von 31 % im Jahr 2023 auf 52 % im Jahr 2060 steigen – mit entsprechend wachsendem Bedarf an Dauerversorgung und Langzeitpflege. Die WHO rechnet damit, dass klimabedingte Gesundheitsschäden zwischen 2030 und 2050 jährlich rund 250.000 zusätzliche Todesfälle verursachen könnten.
Auffällig ist dabei: Die Befragten fühlen sich gerade bei denjenigen Faktoren am wenigsten vorbereitet, die sie selbst für besonders relevant halten. An erster Stelle steht der demografische Wandel, gefolgt vom Fachkräftemangel und geopolitischen Konflikten – und beim Letzteren hält kein einziger Befragter sein System für vollständig gerüstet.
Fünf Kompetenzen resilienter Gesundheitssysteme
Roland Berger gliedert Resilienz in fünf Kernkompetenzen, die dauerhaft funktionieren und sich gegenseitig stützen müssen. Antizipieren: Resiliente Systeme haben Zugang zu aktuellen Lagebildern und Frühwarnsystemen, die mit klar geregelten Entscheidungskompetenzen verknüpft sind. Reagieren: Eine wirksame Krisenreaktion setzt Governance-Strukturen voraus, die lange vor dem Ernstfall entwickelt wurden. Wer damit erst unter Druck beginnt, verliert wertvolle Zeit. Aufrechterhalten: Die Sicherstellung essenzieller Versorgungsleistungen während einer Störung ist die in der wissenschaftlichen Literatur am häufigsten genannte Kompetenz. Besonders gefährdet wird sie durch Finanzierungsmodelle, die auf Durchsatz statt auf Vorsorge ausgerichtet sind. Wiederherstellen: Nach einer Krise muss die Priorisierung von Versorgungsleistungen nach klinischer Dringlichkeit erfolgen. Welche Leistungen besonders sichtbar oder wirtschaftlich attraktiv sind, darf dabei keine Rolle spielen. Anpassen: Die anspruchsvollste Kompetenz: sektorübergreifende Governance-Reformen und neue Anreizstrukturen, die dafür sorgen, dass Gesundheitssysteme aus Krisen gestärkt hervorgehen und für das nächste Störereignis besser aufgestellt sind.
"Gesundheitssysteme sind auf Durchsatz optimiert – nicht auf Vorsorge. Das muss sich ändern."
Ein strukturelles Problem zieht sich durch alle fünf Kompetenzen: Kein Akteur verfügt gleichzeitig über das Mandat und die Anreize, Resilienz auf Systemebene voranzutreiben. Krankenhäuser sind die zentralen operativen Akteure, werden aber leistungsbezogen finanziert, also für Behandlungen, nicht für Vorsorge. Regierungen haben das politische Mandat, reservieren dafür aber selten zweckgebundene Mittel. Versicherer bringen das versicherungsmathematische Know-how für eine gemeinsame Risikoabsicherung mit, werden dafür unter den bestehenden Anreizstrukturen aber nicht honoriert. Pharma- und Medizintechnikunternehmen sind für Versorgungssicherheit und medizinische Gegenmaßnahmen unverzichtbar, doch Preis- und Regulierungsrahmen müssen gewährleisten, dass kritische Hersteller auch außerhalb von Krisenzeiten wirtschaftlich überlebensfähig bleiben.
Die vollständige Studie enthält konkrete Handlungsempfehlungen für alle Stakeholdergruppen, aufgeschlüsselt nach den fünf Kompetenzbereichen. Ergänzt wird sie durch eine vergleichende Länderanalyse, die zeigt, wie führende Gesundheitssysteme, darunter Japan, Israel, Saudi-Arabien, Schweden, Finnland und Deutschland, aus Resilienzinvestitionen tatsächlich operative Fähigkeiten entwickeln. Für Entscheider im Gesundheitswesen bietet die Studie beides: einen analytischen Rahmen zur Standortbestimmung und einen praxisnahen Fahrplan, der den Weg von der erklärten Absicht zur gelebten Resilienz aufzeigt.
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