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Blockchains im Gesundheitswesen

Blockchains im Gesundheitswesen

23. November 2017

Über die Verwendung von Blockchain in Healthcare wird online viel diskutiert – konkrete Anwendungsfälle fehlen oft noch. Um sich der Frage der Anwendung zu nähern, haben Roland Berger und IBM Deutschland zu einem Workshop ins Spielfeld Berlin eingeladen. Mit 25 Experten aus BMG, Kassen, KV und Krankenhaus haben wir Anwendungsfälle gesammelt, konkrete Lösungen vertieft und Ansätze gefunden, die relativ zeitnah umgesetzt werden könnten.

Workshop über Blockchains im Gesundheitswesen im Spielfeld Berlin
Workshop über Blockchains im Gesundheitswesen im Spielfeld Berlin
Blockchains im Gesundheitswesen – ein Konzept nur für die Zukunft?

Während die Blockchain in der Finanz- und Energiebranche bereits über den Status der Konzeptentwicklung hinausgewachsen ist, steht ihre Anwendung im Gesundheitswesen noch am Anfang. Die Möglichkeit, Transaktionen, Informationen zu Behandlung und Abrechnung oder Registerdaten in sicherer Form vorzunehmen, bietet aber vielfältige Chancen – vorausgesetzt, dass sich die Beteiligten am Prozess auf eine gemeinsame Blockchain verständigen und keine rechtlichen Hürden entgegenstehen.

Das "Transaktionsbetriebssystem im Internet"

"Blockchains sind Transaktionsbetriebssysteme im Internet"– so leitete Ralph Papendiek von IBM seine Keynote ein. Blockchains ermöglichen sichere Dokumentation von Transaktionen und Informationen, die zahlreichen Benutzern zugänglich sind und nicht von einzelnen Marktteilnehmern manipuliert werden können. Zu unterscheiden gilt es zwischen der offen zugänglichen anonymen Blockchain, wie sie beispielsweise bei Bitcoin verwendet wird, und sogenannten "permissioned Blockchains": Blockchains, bei denen ein zentraler Betreiber bekannten Teilnehmern den Zugang zum Register genehmigt und geregelt ist, welcher Teilnehmer welche Informationen sehen kann.

Anwendungsfelder für Blockchains: Qualitätssicherung, Kostenersparnisse, Transparenz und Datenschutz

Unsere Gastredner – Fr. Nowotnik (AOK Bundesverband), Dr. Diedrich (KV Westfalen-Lippe), und Hr. Schwarz (BIG) nannten als Anwendungsfelder:

  • das Teilen von Referenzdaten zwischen Patienten, Kassen und Ärzten
  • Transplantationsregister
  • Qualitätssicherung
  • Abbau von Overhead & Intermediären
  • Transparente Kommunikation
  • Beitragseinzug
  • Abrechnungsverfahren
  • Bonusprogramme

Diese Vorgänge können durch Blockchains sicher, fehlerfrei und kosteneffizient betrieben werden, da alle autorisierten Teilnehmer stets volle Transparenz über die vorhandenen Datensätze besitzen und Redundanzen verhindert werden.

Eine weitere Kerneigenschaft von Blockchains ist die Unwiderrufbarkeit Ihrer Einträge. Wenn nicht anders vom Betreiber vorgegeben, speichern die Register jede vorgefallene Transaktion unwiderruflich ab und sind so im Stande, (fälschungs-)sichere Nachweise für Historien von Wirtschaftsgütern zu liefern.

Eine solch wirkungsvolle Fähigkeit bringt allerdings auch Verantwortlichkeiten für die Teilnehmer einer Blockchain mit sich – dies unterstrich Oliver Schenk vom Bundesministerium für Gesundheit in seinem Statement im Spielfeld. Die Rechte des Patienten, selbst zu entscheiden welche Daten er mit wem teilen oder nicht teilen möchte, seien die zentrale Anforderung beim Datenschutz neuer Lösungen.

Wie können Anwendungsfälle aussehen – und welche sind heute implementierbar?

Im Workshop haben wir vier Felder auf die mögliche Anwendung einer Blockchain untersucht.

Austausch von Gesundheitsdaten zwischen Marktteilnehmern

Die "digitale Gesundheitsakte" könnte in Blockchain über Meta-Daten, also Referenzen auf den eigentlichen Datensatz (z.B. das Röntgenbild) abgebildet werden.

Alle relevanten Gesundheitsdaten könnten an eine digitale Identität als single point of truth eines Patienten angehängt und auf der Blockchain sicher und über Zugriffsrechte steuerbar abgelegt werden. Der Patient gibt Ärzten und anderen Leistungserbringern zeitbegrenzte Zugänge, alle Zugriffe, Änderungen oder Ansichten der Daten sind in der Blockchain protokolliert. Die angestrebte Datenhoheit auf Seiten des Patienten wäre verwirklicht. In einem solchen Ansatz wäre allerdings der Konflikt zwischen einer hohen Datenmenge und der anzustrebenden Performanz der Blockchain zu lösen, beispielsweise durch eine eigene Blockchain je Versichertem. Da für eine wirklich umfassende Lösung praktisch alle Akteure im Gesundheitswesen zusammenarbeiten müssten, sind in einem ersten Schritt ohne weitere gesetzgeberische Intervention vor allem Einzelprojekte möglich.

Diagnosedatenbank

Eine weitere Anwendung, gewissermaßen eine Teilmenge der Gesundheitsakte, wäre die Sammlung aller Diagnosen und Verordnungen eines Patienten auf einer Blockchain zur Teilung mit Kassen, Ärzten, dem BVA und Forschungsinstituten wie dem Robert-Koch-Institut. Die Sammlung würde den leidigen Streit im Morbi-RSA beenden, den Patienten Einblick in die zu ihnen dokumentierten Diagnosen geben (auch auf Anfrage zur einfachen Weitergabe an Lebensversicherungen und ähnlichem) und epidemiologische Forschungen wesentlich erleichtern.

Heil- und Kostenplan GKV/Zusatzversicherung

Deutlich konkreter wäre der Einsatz von Blockchain, um die Dokumentenflut zwischen Patient, Zahnarzt, Kassen und KZV beim Heil- und Kostenplan einzudämmen. Durch ein Smart Contract-Regelwerk zum automatisierten Austausch von Genehmigungen und Zahlungsbescheiden zwischen Teilnehmern könnte Genehmigung und Abrechnung mit Kasse und gegebenenfalls. privater Zusatzversicherung schnell und effizient erfolgen. Insbesondere könnte diese Lösung mit einer begrenzten Anzahl von Teilnehmern pilotiert werden.

Verfolgung & Abrechnung von hochwertigen Hilfsmitteln

Ein weiteres anwendungsnahes Einsatzgebiet ist die Verfolgung von hochwertigen Hilfsmitteln, die von Kassen an Patienten verliehen werden. Um die Auslastung der Mittel zu optimieren und Verlusten vorzubeugen, könnten Blockchains hier schon heute zum Tracking von Transaktionen eingesetzt werden – solche Ansätze werden im privatwirtschaftlichen Bereich schon praktiziert, beispielsweise von Maschinen- und Werkzeugherstellern zur Verfolgung von Geräten und Ersatzteilen. Der Ansatz könnte ebenfalls zeitnah pilotiert werden, sofern in einer gegebenen Region die Mehrheit der beteiligten Akteure (Kassen, Verordner, Sanitätshäuser) zusammenarbeitet.

Zahlreiche weitere Lösungen für das Gesundheitswesen, wie zum Beispiel zum Beitragseinzug, der Darstellung von Registern (zum Beispiel Krebsregister; Transplantationsregister, etc.), Abrechnungsverfahren oder Bonusprogrammen sind mit Blockchains abbildbar, müssten jedoch noch hinsichtlich des erzielbaren Kosten-Nutzen-Verhältnis geprüft werden.

Fazit

Umfassende Lösungen, beispielsweise zu Gesundheitsdaten, erfordern eine enge Zusammenarbeit und Konsens über den Prozess bei allen Marktteilnehmern – weitere gesetzliche Regelungen könnten hier helfen. Der Workshop hingegen zeigte, dass erste Blockchain-Lösungen heute schon umsetzbar sind, wenn eine begrenzte Anzahl von Marktteilnehmern sich darauf einigen. Unternehmen im Gesundheitswesen sollten Ihre Auseinandersetzung mit dem Thema Blockchain vorantreiben, um Erfahrungen zu sammeln und die Chancen der Technologie früh zu nutzen.

Text von Karsten Neumann und Christian Grosse