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Plattformökonomie im Maschinenbau

Plattformökonomie im Maschinenbau

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In B2B erfolgt Wertschöpfung vermehrt durch Digitalisierung

Aus der B2C-Welt sind Unternehmen wie zum Beispiel Amazon, Apple, Google und Facebook kaum wegzudenken. Längst zählen Plattformen zu den einflussreichsten und wertvollsten Unternehmen weltweit. Jetzt sind sie dabei, auch das B2B-Umfeld zu erobern. Eine Reihe von Unternehmen haben – entweder in Eigenregie, in Konsortien oder Partnerschaften – bereits Initiativen zum Aufbau von Plattformen gegründet. Die entscheidende Frage dabei ist: Werden Plattformen das Geschäft der Unternehmen untereinander – und dabei speziell den Maschinen- und Anlagenbau – ähnlich stark revolutionieren, wie wir es im Consumer-Bereich erlebt haben?

Skeptiker geben zu bedenken, dass der Maschinen- und Anlagenbau – zumal der klassisch mittelständisch geprägte – zu segmentiert, zu komplex, zu kleinteilig und zu spezifisch ist. Schließlich lasse sich das Knowhow eines Maschinenherstellers im Bereich Schneid- und Wickeltechnik kaum mit der großen weiten Welt des Endkundengeschäfts mit Büchern, Übernachtungsmöglichkeiten oder Personenbeförderung vergleichen.

Plattformbasierte Anwendungen werden auch im Maschinenbau zum entscheidenden Differenzierungsfaktor.
Plattformbasierte Anwendungen werden auch im Maschinenbau zum entscheidenden Differenzierungsfaktor.

Das ist richtig. Voraussichtlich wird das Marktvolumen, das Plattformen in der B2B-Welt adressieren, nie B2C-Dimensionen erreichen. Auch die Skaleneffekte sind kaum vergleichbar. Andererseits ist das disruptive Potenzial der Plattformen längst auch im Maschinenbau erkennbar, selbst wenn das entsprechende Ökosystem hier noch in den Kinderschuhen steckt.

Vielfältige Branche, zahlreiche Optionen

Zu den Charakteristika des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus zählt bekanntermaßen, dass er eine in sich stark heterogene Branchen- und Unternehmenslandschaft mit unterschiedlichsten Geschäftstypen und Segmentspezifika darstellt. Und während für den Komponentenhersteller aufgrund seines differenzierten Abnehmerkreises und oft komplexen Produktportfolios tendenziell eher eine branchenübergreifende Plattform interessant sein dürfte, werden Einzelfertiger unter den OEMs eher eine Individualisierung von Services über die Plattform, einfache Prozessanpassungen und eine schnelle Integrierbarkeit neuer Produkte anstreben. Das heißt: Die Auswahl der jeweils unternehmensspezifisch geeigneten Rolle und Ebene im Ökosystem Plattform, der Plattform selbst oder des optimalen Partners ist eine hochindividuelle und von zahlreichen Variablen abhängige Entscheidung.

Derzeit positioniert sich der Großteil der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer (noch) als klassische OEMs oder Zulieferer auf Ebene 4. Dazu zählen reine Hardware-Anbieter ebenso wie Unternehmen mit einem integrierten Portfolio aus IoT-Ökosystem, Hard- und Software-Lösungen. Diese Unternehmen verfügen über mit dem Internet verbundene Hardware, automatisierte Prozesse und volle Datenhoheit. Mit einem Teil ihrer Services – Applikationen, die sie selbst oder mit einem Partner entwickelt haben – sind sie aber auch auf Ebene 3 aktiv.

A und O jeder IoT-Strategie: die Relevanz der Anwendungsfälle

Die Aussicht auf interessante, neue Erlösquellen und Möglichkeiten zur Differenzierung der Produkte und Services lockt aktuell viele Anbieter in Richtung Apps und Software (Ebene 3). Anwendungsfelder wie Condition Monitoring oder Operations Optimization werden bereits vielfach als besonders gewinnträchtige „Killer-Applikationen“ gehandelt. In der Tat wandern in der Plattformökonomie perspektivisch immer größere Umsatzanteile von Ebene 4 auf Ebene 3 und 2. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen müssen sich daher entscheiden, ob sie ihr Angebot in Eigenregie ausweiten oder auf ein Partnernetzwerk zu-rückgreifen wollen.

Der entscheidende Punkt bei der Definition der eigenen IoT-Strategie ist die Identifikation der richtigen – das heißt: relevanten – Anwendungsfälle, denn sie bilden den eigentlichen Mehrwert von Plattformen. Leider sind derzeit viele Applikationsentwicklungen zu beobachten, die technisch interessant, aber ohne erkennbaren Mehrwert für den Kunden und damit auch ohne wirkliches Geschäftspotenzial sind. Fragen wie: „Welche Anwendungsmöglichkeiten und Applikationen verbessern die Kostenposition oder Differenzierung bei meinen Kunden?“ Und: „Welche Probleme aus externer oder interner Kundensicht werden damit behoben oder zumindest reduziert, welche Vorteile können realisiert werden?“ müssen zwingend überzeugend beantwortet werden. Nur eine klare Priorisierung auf tatsächlich erfolgversprechende Anwendungsfälle ermöglicht einen wirtschaftlichen Erfolg in der Plattformökonomie. Vielfach ist aber auch erkennbar, dass der kommerzielle Erfolg gar nicht unbedingt in den komplexen Anwendungsfällen liegt, sondern in recht einfach zu realisierenden Lösungen. Ein Maschinenbauer aus der Schneid- und Wickeltechnik wird mit der Vermarktung von Online- Service-Handbüchern zum Beispiel mehr erreichen als mit komplexeren Predictive Maintenance-Lösungen.

Viel Dynamik, unklare Aussichten

Aktuell befindet sich die Plattform-Landschaft im deutschen Maschinen-und Anlagenbau in einer frühen Phase ihres Lebenszyklus' und ist dementsprechend massiv in Bewegung. Viele Anbieter experimentieren auf der Suche nach einem nachhaltigen Geschäftsmodell, tragfähiger Monetarisierung ihres Leistungsangebots und optimaler Differenzierung im Wettbewerb. Gleichzeitig zögern viele potenzielle Nutzer noch, in ein spezifisches Plattform-Ökosystem einzutreten und beobachten oder testen ihrerseits die sich entwickelnden Optionen.

Eine klar definierte Plattformstrategie ist deshalb ein Muss für jedes Unternehmen – unabhängig davon, welchen digitalen Reifegrad es bereits erreicht hat. Für Unternehmen mit geringen Vorkenntnissen in der Plattfor-mökonomie kann zunächst eine reine Nutzer-Rolle sinnvoll sein, beispielsweise über den Einkauf von klassischen C-Teilen auf Online-Marktplätzen. Auf diese Weise lassen sich ohne größere Investitionen erste Erfahrungen im Umgang mit Plattformen sammeln. Auch bei digitalen Services bieten sich weniger komplexe Einstiegsoptionen an. Unternehmen mit fortgeschrittener digitaler Reife dagegen sollten mit spezifischen, aus individueller Sicht erfolgversprechenden Anwendungsfällen Erfahrungen im Testbetrieb sammeln, bevor sie eine flächendeckende Implementierung ins Auge fassen.

Eine aktuelle Studie zum Thema Plattformökonomie im Maschinen- und Anlagenbau, die wir in Zusammenarbeit mit dem VDMA und der Deutschen Messe AG erstellt haben, können Sie hier herunterladen.

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