Umdenken bei den energiemärkten und -infrastrukturen

Umdenken bei den energiemärkten und -infrastrukturen

20. Mai 2021

Mit unserem weltweiten Expertennetzwerk und unserem Know-how über die Märkte helfen wir Unternehmen, einen klaren strategischen Weg einzuschlagen

ZUGEHÖRIGE EXPERTISE

Energie- und Versorgungswirtschaft

Die Energielandschaft verändert sich

Insgesamt 194 Länder haben bislang das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet, um sich den Auswirkungen des Klimawandels anzupassen und ihre CO2-Emissionen zu verringern. Deshalb wurden bereits der Anteil der erneuerbaren Energien sowie der Anteil der Energieträger Elektrostrom und Wasserstoff am Energiemix erhöht. Diese Entwicklung setzt sich auch in Zukunft fort.

Erneuerbare Energien unterscheiden sich jedoch signifikant von konventionellen Energiequellen, nicht zuletzt in ihren Anforderungen an die entsprechende Infrastruktur. Oftmals fluktuiert ihre Verfügbarkeit je nach Wetter und Tages- oder Jahreszeit. Hierdurch können kürzere Wege zwischen Erzeugung und Verbrauch erforderlich werden oder auch eine eher lokale Erzeugung statt einer zentralisierten. Änderungen im Energiemix können radikale Auswirkungen haben und die Anpassung des Transports von erneuerbaren Offshore- und Onshore-Energien an die verstärkte Elektrifizierung von Transportwegen oder an die Ausweitung von Mikronetzen erfordern. Außerdem gehen all diese Entwicklungen oft mit erheblichen Veränderungen der Marktstrukturen einher.

"Eine kohlefreie Energieversorgung ist nur möglich mit einer entsprechenden Infrastruktur, welche die neuen Anforderungen erfüllt."
Portrait of Torsten Henzelmann
Senior Partner, Managing Director Central Europe
Frankfurt Office, Zentraleuropa

Herausforderungen und Chancen

Die sich verändernde Energielandschaft bringt für Unternehmen sowohl Herausforderungen als auch Chancen mit sich. Für eine zunehmende Verflechtung der Strommärkte sorgen insbesondere der ansteigende Ausbau der Verbindungsleitungen für Offshore-Windenergie zwischen verschiedenen Ländern, zusätzliche Onshore-Hochspannungsleitungen für die direkte Lieferung des Stroms an den Verbrauchsort sowie steigende Kosten für Maßnahmen zur Energiekontrolle bei der Weiterbeförderung als Antwort auf schwankende Einspeisemengen und Abweichungen von den geplanten Energiefahrplänen. Höchstwahrscheinlich werden auch zukünftige Regulierungsmaßnahmen eine weitere Konsolidierung von Netzbereichen und Kontrollzonen begünstigen.

Mit diesen Entwicklungen geht die Entstehung lokaler, autonomer Märkte oder Mikronetze einher, welche die dezentralisierte Erzeugung von Energie und deren Verbrauch miteinander verknüpfen. Wenn für Netzführung und Speicherung das Internet der Dinge oder künstliche Intelligenz genutzt werden, um einen physischen Mengenausgleich zu erzielen, könnten sich diese Teilmärkte komplett autonom entwickeln und derzeitige Geschäftsmodelle infrage stellen.

Erdgas, das entweder über Pipelines oder als LNG (Flüssigerdgas) transportiert wird, ist wahrscheinlich der letzte fossile Brennstoff, der Teil einer weltweiten Energiewende sein wird. Zum Ende des fossilen Zeitalters werden bekannte Reserven bis zum wirtschaftlichen Maximum ausgeschöpft, wodurch vorerst weitere transkontinentale Gasprojekte entstehen. Gleichzeitig werden einige Öl- und Gaspipelines immer weniger genutzt, da der Prozess der Dekarbonisierung voranschreitet und der Bedarf an fossilen Brennstoffen im Bereich Transport zurückgeht. Auf der anderen Seite wird Wasserstoff voraussichtlich zum Hauptenergieträger aufsteigen. Deshalb müssen Geldgeber entscheiden, ob sie entweder in den Neubau von Transport- und Verteilungsinfrastrukturen investieren oder in den teilweisen Umbau bestehender Anlagen.

Dieser Wandel wird enorme Auswirkungen auf die Preispolitik haben. Auch die derzeit von den Strombörsen angewendeten Preismechanismen werden sich notwendigerweise verändern. Mit dem Anstieg des Anteils an erneuerbaren Energien wird das sogenannte Merit-Order-Modell zur Bestimmung von Energiepreisen auslaufen (die variablen Kosten für erneuerbare Energien liegen nahezu bei null) und durch die zunehmend an Bedeutung gewinnende kapazitätsorientierte Preisgestaltung abgelöst werden. Neue Brennstoffe wie Wasserstoff sind noch keine Handelsware und haben demnach noch keinen Marktpreis – aber das ist nur eine Frage der Zeit.

Auswirkungen auf das Geschäft

Das Tempo, das der Energiewandel vorlegt, lässt viele Unternehmen fortwährend hinterherlaufen. Fest steht, dass auf vielen Gebieten ein strategisches Umdenken nötig ist – sei es bei der Anpassung des Risikomanagements, beim Umgang mit neuen rechtlichen Bestimmungen, bei der Umstellung der Infrastrukturen für die Stromerzeugung und übertragung oder beim Auswechseln veralteter Geschäftsmodelle. Zum Beispiel zwingen eine veränderte Energielandschaft und eine voranschreitende Dekarbonisierung Unternehmen zu einem Kurswechsel in Sachen Risikomanagement und Produktpreisgestaltung. Da Nebenleistungen aufgrund der fluktuierenden Natur der erneuerbaren Energiequellen immer wichtiger und komplexer werden, müssen Geschäfts- und Betriebsmodelle entsprechend angepasst werden. In vielen Fällen sollte – zumindest während der Übergangsphase – eine staatliche Förderung gesichert sein, um die benötigte neue Energieinfrastruktur zu finanzieren und die erneuerbaren Energien in vollem Umfang nutzen zu können. Einen klaren Weg durch die sich ständig wandelnde Energielandschaft zu weisen, ist jedenfalls keine leichte Aufgabe.

Unsere Lösungen

Roland Berger bietet eine Reihe von Beratungsdiensten, die Energieunternehmen sicher durch das strategische Labyrinth führen. Mit unserer Expertise in der Koordination großer Investitionsprojekte helfen wir unseren Kunden auf der ganzen Welt beim Aufbau einer neuen Energieinfrastruktur, kümmern uns um regulatorische Themen sowie um Fragen rund um Beschaffung, Bau und Instandhaltung und entwickeln effektive Preis- und Vertriebsstrategien. Wir unterstützen unsere Kunden in allen Phasen ihrer Infrastrukturprojekte – von der Projektanbahnung und planung über die Risikoreduzierung bis hin zur Implementierung, Durchführung und Stilllegung. Unternehmen, deren Projekte ins Wanken geraten sind, hilft unsere strategische Rettungsleine wieder auf den richtigen Weg, um Zeitpläne und Budgets einhalten zu können.

Case studies
#1 Zugang zu Offshore-Netzen in der Nordsee

Im Auftrag eines Übertragungsnetzbetreibers (ÜNB) haben wir im Rahmen der Planung von Offshore-Windanlagen und ihrer Anbindung an das Stromnetz mögliche Synergien in einer transnationalen Zusammenarbeit in der Nordseeregion analysiert. Dazu gehörte die Herausarbeitung konkreter Projektideen in vier regionalen Clustern sowie die Bewertung von deren Effektivität vom wirtschaftlichen Standpunkt aus. Auf dieser Grundlage haben wir dann für jeden Cluster Aktionspläne für alle Projektbeteiligten entwickelt und bei der Koordinierung der verschiedenen Interessengruppen beraten.

#2: Gas-Masterplan für Asien

Mithilfe detaillierter Prognosen zu Produktion, Import, Export und Verbrauch von Erdgas haben wir ein asiatisches Land bei der Identifizierung nötig gewordener Modernisierungs- und Aufrüstungsmaßnahmen seiner Gas-Infrastruktur beraten. Einen Teil des Projekts bildete unsere Auswertung der aktuellen politischen und regulatorischen Gegebenheiten und – darauf aufbauend – die Unterbreitung von Vorschlägen für notwendige Reformen im Gassektor. Darüber hinaus haben wir haben verschiedene Gas-Übertragungstarife kalkuliert, wobei wir die Betriebs- und Investitionskosten für eine Reihe von unterschiedlichen Szenarien miteinbezogen haben.

#3: Wasserstoff-Strategie für Nordamerika

In enger Zusammenarbeit mit einem großen nordamerikanischen Energieunternehmen haben wir ein internationales Benchmarking verschiedener Strategien und Finanzierungsinstrumente durchgeführt, die in Nordamerika im Zusammenhang mit Wasserstoff verfügbar sind. Dazu gehörte die Analyse von entscheidenden Erfolgsfaktoren für den Aufbau von Wasserstoff-Ökosystemen – oder "Wasserstoff-Tälern" – sowie die Bewertung von verschiedenen Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette sowohl aus einem technologischen als auch wirtschaftlichen Blickpunkt. Des Weiteren haben wir die Größe von Absatzmärkten für Anwendungen aus dem Bereich grüner Wasserstoff abgeschätzt, im Einzelnen für stationäre (nachhaltige Chemie, Stahlerzeugung, Erdölraffination) und für mobile Anwendungen (Brennstoffzellen, Elektroantriebe). Abschließend haben wir unserem Kunden dabei geholfen, eine robuste Wasserstoff-Strategie zu entwickeln und zu definieren.

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