Die deutsche Konjunktur im zweiten Halbjahr 2026

Die deutsche Konjunktur im zweiten Halbjahr 2026

18. August 2026

Wachstum trotz Gegenwind

Die deutsche Wirtschaft wächst wieder – wenn auch nur langsam. Im zweiten Quartal 2026 stieg das Bruttoinlandsprodukt ersten Schätzungen zufolge um 0,2 % im Vergleich zum Vorquartal. Damit setzt sich ein Trend fort, der bereits Anfang des Jahres begonnen hatte, als die Wirtschaft um 0,4 % gewachsen war.

Demgegenüber stehen weiterhin Strukturprobleme und geopolitische Verwerfungen, die eine Erholung auf breiter Front bisher verhindern. Zu nennen sind in erster Linie die höheren Energiepreise infolge des Irankriegs, aber auch die weiter erstarkende Konkurrenz aus China. In Summe sorgen sie dafür, dass die Wirtschaft hierzulande 2026 allenfalls um 0,6 % wachsen dürfte. Das ist die Kernbotschaft unseres Konjunkturausblicks für die zweite Hälfte des laufenden Jahres. Gleichzeitig zeigt der Blick auf die maßgeblichen Indikatoren, dass die Lage in den verschiedenen Bereichen teils stark variiert.

Zentrale Erkenntnisse der Publikation

1. Das BIP-Wachstum Deutschlands in 2026 wird aufgrund des Energiepreisschocks, schwachen Konsums und struktureller Industrieprobleme voraussichtlich nur 0,6% betragen.

2. Rund 12.900 Unternehmensinsolvenzen im ersten Halbjahr 2026 – der höchste Stand seit 2013. Schätzungsweise 165.000 Beschäftigte verloren dadurch ihren Arbeitsplatz.

3. Bis 2030 werden fast 80% des deutschen Kernhaushalts durch Verteidigung, Sozialausgaben und Zinslast gebunden. Das ermöglicht weniger fiskalischen Spielraum für Investitionen und Bildung.

Die größte Stütze für die deutsche Wirtschaft blieb im ersten Halbjahr 2026 der Außenhandel. Während die Importe in ersten Quartal nahezu stagnierten, zogen die Exporte kräftig an – vor allem in die EU-Nachbarländer (+4,9% ggü. dem Vorquartal) und in die USA (+8,4%). Der Rückgang bei den China-Exporten (-8,5%) bestätigt die Befürchtung des dort anhaltenden, strukturellen Nachfrageeinbruchs. Ersten Schätzungen zufolge sind die Exporte auch im zweiten Quartal gestiegen, während der Konsum schwächelte und die Investitionen weiter rückläufig waren.

Unklar ist, ob der Außenhandel in den nächsten Monaten weiter die Rolle des Hauptwachstumstreibers einnehmen kann. Dagegen spricht, dass Deutschland aktuell im globalen Exportwettbewerb in Schlüsselbereichen wie dem Maschinenbau oder der Automobilindustrie weiter Marktanteile an China verliert. Dortige Unternehmen profitieren von üppigen Staatssubventionen und setzen ihre Wettbewerber gleichzeitig mit einer rasant steigenden Produktqualität und aggressiven Preispolitik unter Druck. Für deutsche Unternehmen ergibt sich daraus eine Doppelbelastung: Sie können ihre Produkte und Dienstleistungen nicht mehr in gewohntem Umfang in China absetzen und müssen sich gleichzeitig gegen die neue Konkurrenz auf Drittmärkten behaupten.

Dazu passt ins Bild, dass bei zwei weiteren wichtigen Indikatoren kein Krisenende in Sicht ist: bei den Auftragseingängen und bei der Industrieproduktion. Erstere verbesserten sich nur schwach und werden maßgeblich durch einzelne Großaufträge in der Verteidigungsindustrie gestützt. Letztere ist weiterhin rückläufig. Daran ändert auch eine leichte Erholung der Industrieproduktion in energieintensiven Branchen nichts.

Die Ursachen für beide Entwicklungen sind struktureller Natur: hohe Energiekosten, regulatorische Hürden sowie technologischer Anpassungsdruck machen es für die Industrie schwer, zu einem Wachstumspfad zurückzukehren. Die Kapazitätsauslastung des verarbeitenden Gewerbes lag im Juli 2026 bei 78,0% und damit deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt von rund 83%.

Die jüngste Entwicklung der Kapazitätsauslastung macht immerhin Hoffnung. So stieg die Kapazitätsauslastung des verarbeitenden Gewerbes im ersten Halbjahr 2026 um 0,4 Prozentpunkte. Besonders stark war der Anstieg mit 3,5 pp. in der Metallerzeugung und -bearbeitung. Auch der Maschinenbau (+1,0 pp.), die Automobilindustrie (+0,2 pp.) und die Chemie (+0,3 pp.) verzeichneten im Juli 2026 eine höhere Auslastung als im Januar. Die Pharmaindustrie musste dagegen mit -6,1 pp. einen deutlichen Rückgang hinnehmen.

Die schlechte Nachricht: Die begrenzte Erholung der Industrie und die anhaltende Zurückhaltung der Verbraucher bleiben nicht ohne Wirkung auf das wirtschaftliche Gesamtgefüge in Deutschland. Die Insolvenzzahlen sind in den ersten sechs Monaten 2026 weiter deutlich angestiegen. Mit rund 12.900 Fällen (+7,8% gegenüber dem Vorjahr) erreichen sie den höchsten Stand seit 2013. Betroffen sind insbesondere mittelständische Unternehmen. Hohe Verschuldung, steigende Finanzierungskosten, eingeschränkter Kreditzugang und eine schwache Nachfrage sind ein branchenübergreifendes Phänomen. Betroffen ist außerdem längst nicht mehr nur die Industrie, sondern auch der Dienstleistungssektor (+13%).

Mit dem Insolvenzverfahren einher geht vielerorts ein Stellenabbau. Schätzungsweise 165.000 Beschäftigte verloren infolgedessen im ersten Halbjahr 2026 ihren Job. Die Konsequenz ist ein angespannter Arbeitsmarkt. Im April dieses Jahres übertraf die Zahl der Arbeitslosen erstmals seit 2011 die Marke von 3 Millionen; die Arbeitslosenquote erreichte im Juni 6,2%.

Etwas Entwarnung gibt es hingegen bei den gemeldeten offenen Arbeitsstellen. Nach einem deutlichen Rückgang zwischen 2022 und 2025 stabilisierte sich die Arbeitsnachfrage im Juni 2026 bei rund 648.000. Eine gute Nachricht, aber nicht ausreichend, um für eine nachhaltige Entlastung auf dem Arbeitsmarkt zu sorgen.

Neue Hoffnung für 2027?

Anders sieht es bei der geplanten Investitionsoffensive der Bundesregierung aus. Gefasste Beschlüsse sind das eine, bis Planung und Umsetzung abgeschlossen sind, dauert es erfahrungsgemäß deutlich länger. Außer Acht lassen sollte man auch nicht Engpässe auf der Angebots- und Fachkräfteseite. In der Summe führt das dazu, dass die öffentlichen Ausgaben zwar schon im laufenden Jahr zu einer tragenden Konjunkturstütze werden. Ihre volle Wirkung dürften sie aber erst 2027 entfalten. Dann erwarten wir eine spürbare Erholung der Konjunktur und ein BIP-Wachstum von 1,6%.

Abzuwarten bleibt, wie sich das Inflationsgeschehen und damit die reale Einkommensentwicklung und der Konsum entwickeln. Nach der jüngsten Zinserhöhung der EZB und angesichts des anhaltenden Energiepreisschocks gehen wir von einer weiteren Anhebung des Leitzins im laufenden Jahr aus.

Auch den Investitionsimpulsen der öffentlichen Hand sind Grenzen gesetzt. Selbst wenn man die milliardenschweren Sondervermögen außer Acht lässt, wächst der reguläre Kernhaushalt aktuell schneller als die Wirtschaft. Bis 2030 dürfte sich der Unterschied auf 0,4 Prozentpunkte des BIP belaufen. Durch verändert sich auch die Ausgabenstruktur: Soziales, Zinslast und Verteidigung werden Ende des Jahrzehnts fast 80% des Haushalts beanspruchen. Für Investitionen, Bildung und künftige Krisen nimmt der fiskalische Spielraum ab. An weiteren Strukturreformen führt deshalb kein Weg vorbei.

Hier das vollständige PDF herunterladen
STUDIE

Die deutsche Konjunktur im zweiten Halbjahr 2026

{[downloads[language].preview]}

Deutsche Konjunktur 2026: Roland Berger erwartet nur 0,5% Wachstum. Warum hohe Energiepreise, Chinas Konkurrenz und der Reformstau den Aufschwung ausbremsen.

Veröffentlicht August 2026. Vorhanden in
Alle Publikationen dieser Serie
Mehr
Das könnte Sie auch interessieren
David Born
Head of Roland Berger Institute
Frankfurt Office, Zentraleuropa
+49 69 29924-6500