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Digitalisierung von Häfen

Digitalisierung von Häfen

25. Mai 2018

Betreiber in China und Europa gehen unterschiedliche Wege

Häfen sind die zentralen Knotenpunkte der weltweiten Handelsströme. Daher setzen Betreiber in Europa und China seit mehr als 20 Jahren auf Automatisierung und Effizienzsteigerung: Technologien und Konzepte wie teilautomatisierte Kransysteme, Fahrerlose Transportfahrzeuge und automatisierte Planung der Containerlagerung gehören längst zum Alltag. Bei Digitalisierung und Konnektivität gehen Europa und China jedoch unterschiedliche Wege. Während europäische Hafenbetreiber den Einsatz neuer Technologien forcieren, investieren ihre chinesischen Pendants eher mit Bedacht.

Bei der Einführung neuer Technologien spielten Europas Häfen schon immer eine Führungsrolle. So werden Schiffe in Göteborg bereits seit 1989 mit Landstrom versorgt. Beim Thema Automatisierung und Digitalisierung war Rotterdam sehr innovativ und nahm 1993 den weltweit ersten vollautomatischen Hafenterminal in Betrieb. Nun haben die europäischen Häfen sich ein Ziel gesetzt, das noch weit über die Automatisierung hinausgeht: Sie wollen die technologischen Komponenten miteinander vernetzen, die verschiedenen Hafen-Stakeholder an einen Tisch bringen und sich so einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.

Ein Beispiel sind die geplanten, auf IoT (Internet of Things) basierende Plattformen in Rotterdam und Barcelona. Rotterdam wird seine Kaimauern und Straßen mit Sensoren ausstatten, die eine Vielzahl an Daten erfassen, mit deren Hilfe Entscheidungsprozesse verbessert werden sollen. Kombiniert mit weiteren IoT-Anwendungen will der Hafen so die Schiffsliegezeiten um bis zu eine Stunde verkürzen. Barcelona wiederum entwickelt mit Partnern ein IoT-Netzwerk, das den Einsatz von Servicetechnikern lenken und den Standort der hafeneigenen Wartungsfahrzeuge präzise und in Echtzeit ermitteln soll.

Dass Europas Häfen bei den Themen Konnektivität und Integration eine Vorreiterrolle einnehmen, hat gute Gründe. Erstens liegen einige der wichtigsten europäischen Häfen historisch bedingt mitten in Städten. Mangelnde Transparenz und daraus resultierende Ineffizienzen führen hier zu massiven Stauproblemen auf der Landseite. Zweitens ist Differenzierung ein wichtiger Faktor für europäische Häfen: Sie wollen sich voneinander, von alternativen Schifffahrtsrouten und von anderen Verkehrsträgern abgrenzen.

Europäische Häfen nehmen hinsichtlich Digitalisierung international eine Führungsrolle ein.
Europäische Häfen nehmen hinsichtlich Digitalisierung international eine Führungsrolle ein.

China: abwarten, beobachten, umsetzen

Chinas Häfen gehen das Thema Digitalisierung anders an. Zwar forcieren auch sie Leuchtturmprojekte, wie Beispiele zeigen: So arbeitet im Tiefwasserhafen Yangshan südlich von Shanghai das weltgrößte automatisierte Containerterminal. Auch der Hafen von Shenzhen wurde gezielt automatisiert, bis zu acht Kaikräne be- und entladen nun parallel Containerschiffe, wodurch die Produktivität des Terminals deutlich gestiegen ist. In Hongkong soll das Container-Terminal sogar um 40 Prozent effizienter werden, unter anderem durch eine automatisierte Container-Stapelung.

Doch im Vergleich zu den digitalen Vorreitern in Europa sind Chinas Häfen deutlich bedächtiger unterwegs. Die Akteure im Reich der Mitte konzentrieren sich auf ausgereifte Technologien für die Automatisierung und Effizienzsteigerung. Gründe dafür sind zum einen die niedrigeren Personalkosten und weniger strengen Umweltauflagen, aber auch die vergleichsweise komfortable Marktposition der chinesischen Häfen als Ausgangspunkt vieler Warenströme. Außerdem liegt der Fokus sowohl der Regierung als auch der Industrie vor allem auf einer durchgängigen Kontrolle der Handelsströme und weniger auf der Entwicklung einzelner digitaler Champions. Daher investiert China zum Beispiel erheblich in Häfen und Terminals, die an der „21st Century Maritime Silk Road“ liegen.

Ohne kritische Masse kein Durchbruch

Insgesamt schaffen sich die chinesischen Hafenbetreiber so eine gute Ausgangsposition: Sie können zu gegebener Zeit ihr gesamtes Netzwerk mit einem standardisierten System für Integration und Datenaustausch digitalisieren und erreichen so entlang der Wertschöpfungskette schnell eine Vielzahl an Anwendern. Bei der europäischen Herangehensweise mit einzelnen lokalen Initiativen ist es dagegen deutlich schwieriger, eine kritische Masse zu erreichen. Diese ist aber nötig, denn solange einzelne Akteure isolierte Lösungen entwickeln, werden sie nur eine begrenzte Rendite erzielen. Der große Nutzen der Digitalisierung kann erst entstehen, wenn viele Logistikspieler zusammenarbeiten, die gesamte Wertschöpfungskette transparenter und kontrollierbarer wird und somit das Gesamtsystem profitiert. Die Herausforderung für die europäischen Häfen und Logistiker ist daher, die Aktivitäten zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzuführen und so genügend Anwender zu gewinnen. Darüber hinaus bleibt abzuwarten, ob der IoT-Ansatz tatsächlich revolutionäre Innovationen oder lediglich interessante Nischenprodukte hervorbringt.

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