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"The New Normal" ist bereits Realität

"The New Normal" ist bereits Realität

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COVID-19 entlarvt bisher vorgetragene Umsetzungshemmnisse für strukturelle Massnahmen und konsequente Digitalisierung

  • Nach einer ersten Bestandsaufnahme scheinen die in Folge der COVID-19 Krise befürchteten wirtschaftlichen Einbrüche zwar dramatisch auszufallen. Allerdings besteht zum heutigen Zeitpunkt Konsens, dass die noch extremeren wirtschaftlichen Negativszenarien nicht eintreten werden.
  • Durch frühzeitige geld- und fiskalpolitische Massnahmen wurden die Ansteckungsketten auf die Realwirtschaft und damit auch auf den Schweizer Bankensektor kurzfristig unterbrochen.
  • Dennoch bleiben hohe Unsicherheiten in Bezug auf Arbeitsplatzsicherheit, Investitionen und privaten Konsum, die eine wirtschaftliche Erholung gefährden und in den Folgejahren stark auf die Bankenbilanzen durchschlagen könnten.
  • Nach vorne blickend gilt es für Schweizer Banken, sich drei Hauptherausforderungen anzunehmen: einer vorausschauenden Steuerung des Kreditportfolios, strukturellen Kostenmassnahmen und der Vorbereitung auf das "New Normal", das heute schon Realität ist.

Zürich, 17. Juni 2020

"Dank signifikanten geld- und fiskalpolitischen Stützungsmassnahmen konnte bisher ein unkontrollierter Absturz der Wirtschaft in Folge der COVID-19 Krise verhindert werden", sagt Adrian Weber, Senior Partner und Financial Services-Experte von Roland Berger in Zürich. Obwohl bereits steigende Arbeitslosenquoten (3.4% im Mai 2020 gemäss SECO) und rückläufige Gewinnprognosen der Unternehmen Anlass zur Sorge bereiten, konnten die Schweizer Banken – dank einer effizienten und unkomplizierten Lösung zur Überbrückung von Liquiditätsengpässen bei Unternehmen – ihren Beitrag zur Unterstützung der Realwirtschaft leisten. "Die Ansteckungsketten auf die Realwirtschaft und somit auch in Richtung Schweizer Banken konnte vorerst unterbrochen werden", fügt Weber an.

Verzögerte Erholung – Auswirkungen des Lockdowns nur langsam messbar

Nach einer Lockerung der rund 8-12 Wochen anhaltenden behördlichen Einschränkungen in der Schweiz und im europäischen Ausland, scheint sich der Konjunkturausblick etwas aufzuhellen; die Auswirkungen des Lockdowns werden jedoch erst langsam messbar. Roland Berger geht für das Jahr 2020 von einem Rückgang des BIP in der Schweiz von 6%, einem Rückgang des privaten Konsums um 8% sowie einem Rückgang der Investitionen von rund 12% aus. "Die vollständigen Auswirkungen der Krise auf die Schweizer Banken werden in Form eines Rückgangs der Kommissionserträge und eines Anstiegs der Wertberichtigungen auf dem Kreditportfolio durchschlagen. Durch die staatlichen Unterstützungsmassnahmen der Realwirtschaft wird sich dabei der volle Effekt erst verzögert aufzeigen", erklärt Philippe Blaser, Partner und Schweizer Finanzexperte von Roland Berger. Die hohen Unsicherheiten in Bezug auf Arbeitsplatzsicherheit, Investitionen und privaten Konsum, gefährden die weitere wirtschaftliche Erholung und könnten sich in den Folgejahren stark auf die Bankenbilanzen auswirken.

Basierend auf diesen Entwicklungen gehen die Finanzexperten von Roland Berger davon aus, dass – trotz der teilweise sehr positiven Ergebnisse der Schweizer Banken im ersten Quartal – die Erträge aus dem Zins- und Kommissionsgeschäft um etwa 4% zurückgehen. Zusätzlich ist eine Vervierfachung der Wertberichtigungen auf dem Kreditportfolio zu erwarten, was zu einer Reduzierung des Vorsteuergewinns um ca. 19% (-2.7 Mrd. CHF) in 2020, resp. ca. 16% (-2.3 Mrd. CHF) bis 2021 führt.

Tiefgreifende Rezession immer noch möglich

Eine immer noch nicht auszuschliessende Verschlechterung der gesamtwirtschaftlichen Situation – durch einschneidende negative wirtschaftliche Zweitrundeneffekte (bspw. Massenentlassungen, signifikanter Rückgang des privaten Konsums um 12%, Rückgang der Investitionen um 16%) – würde sogar zu einem Ertragsrückgang von 12% im Jahr 2021 führen. In diesem Szenario wird mit einer Steigerung der Wertberichtigungen um den Faktor 6 gerechnet, was zu einer Reduzierung des Vorsteuergewinns um ca. 59% (8.6 Mrd. CHF) gegenüber 2019 führen würde. Das Vorkrisenniveau beim Vorsteuergewinn würde erst wieder im Jahr 2025 erreicht.

Im Quervergleich mit Deutschland und anderen europäischen Ländern zeigt sich, dass die Schweizer Banken dank einer vorsichtigeren Risikopolitik und höheren Eigenmittelausstattung krisenresilienter aufgestellt sind.

"The New Normal" ist bereits Realität

Der Grossteil der Banken konnte sich innerhalb von kurzer Zeit auf die neuen Gegebenheiten einstellen und hat seine operative Lieferfähigkeit auch remote sichergestellt. Die Krise hat den Banken aber auch funktionierende Alternativen zum Status-Quo aufgezeigt: Aktive Kundenbetreuung über digitale Kanäle wird geschätzt und erwartet, standardisierte Prozesse sind in einer digitalen Welt wichtiger denn je und die lokationsgebundene Workforce nimmt weiter ab. Diese Trends werden sich weiter beschleunigen und verlangen von den Banken ein rasches Handeln in Bezug auf Technologieentwicklung, Standardisierung und Automatisierung der Prozesse, physischen Footprint (Büros und Filialen) und Personalführung.

Nach vorne blickend gilt es nun für Schweizer Banken, sich drei Hauptherausforderungen anzunehmen:

1) Das Kreditportfolio ist aktiv und vorausschauend zu bewirtschaften; die kontinuierliche Überwachung sollte Szenario-basiert mittels intelligenter und einfach nachvollziehbarer Frühwarnindikatoren und dem Einsatz von IT Tools erfolgen, um frühzeitig risikominimierende Massnahmen einzuleiten.

2) Aktives Performance-Management mit einem Fokus auf die Reduktion struktureller Kosten. Gerade für Schweizer Banken wird das in guten Zeiten oftmals wenig konsequent verfolgte Hinterfragen des Betriebsmodells und der eigenen Wertschöpfungstiefe zu einem Handlungsimperativ; nicht zuletzt um den sinkenden Erträgen entgegenzuwirken und Investitionsmittel für die Zukunft freizumachen.

3) Die während der Krise gelebte Realität ergibt diverse Veränderungsimpulse für Banken. Aus den gemachten Erfahrungen ergeben sich weiterführende Massnahmen:

  • Flexibilisierung der Leistungserbringung im Kontext der "new ways of working" inklusive Anpassung der organisatorischen Rahmenbedingungen, der IT Infrastrukturen sowie der Mitarbeiterführung und Steuerung.
  • Kritische Überprüfung der kompletten Gebäude-Infrastruktur; neben dem Filialnetzwerk sollte auch der Raumbedarf in den Zentralen und den Abwicklungsstandorten auf den Prüfstand gestellt werden.
  • Weiterer Ausbau und stetige Verbesserung aller digitalen Kanäle, insbesondere der digitalen Kundeninteraktion und konsequente Prozessautomatisierung.

"Das oft zitierte "New Normal" ist bereits Realität und viele der bisher vorgetragenen Umsetzungshemmnisse für strukturelle Massnahmen und konsequente Digitalisierung wurden durch die COVID-19 Krise als vorgeschoben entlarvt", fügt Weber zum Schluss an.

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