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Neuer Benchmark-Index zu Shareholder Engagement

Neuer Benchmark-Index zu Shareholder Engagement

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13. Juni 2019

Engagierte Investoren: Wie Unternehmen sich auf die neue Normalität einstellen können

Aktivismus ist zum Breitenphänomen auf Aktionärsseite geworden. Für Unternehmen ist die neue Normalität weniger Bedrohung als Chance. Ein neuer Benchmark-Index von Roland Berger zeigt, wo der Handlungsbedarf liegt.

Ja, in diesem Post geht es um aktivistische Aktionäre. Und nein, es geht nicht um den üblichen Alarmismus, die Bedrohung der Unternehmen durch Aggressoren, Strippenzieher und "Krawallmacher". Es war schon immer falsch, "Aktivismus" auf die Attacken von Hedgefonds zu verkürzen – und die unternehmerischen Optionen auf die Orchestrierung der Abwehrschlacht einzuengen. Die Hauptversammlungs-Saison 2019 hat das noch einmal vor Augen geführt. Nicht die aktivistischen Hedgefonds führten die Kritik an, sondern jene, die vor Jahren noch als Abnicker der Beschlussvorlagen der Verwaltung diskreditiert wurden.

Mit einem aktiven Shareholder Engagement haben Unternehmen die Chance, langfristige Wertsteigerungen zu erzielen und ihre Aktionärsstruktur transparent sowie strategisch zu steuern.
Mit einem aktiven Shareholder Engagement haben Unternehmen die Chance, langfristige Wertsteigerungen zu erzielen und ihre Aktionärsstruktur transparent sowie strategisch zu steuern.

Ergebnisse der Hauptversammlung sind nur ein Spiegelbild größerer Umwälzungen

Die Unternehmen sind gut beraten, nach der geballten HV-Kritik und der negativen Berichterstattung nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen. Wenn dem Bayer-Vorstand trotz ordentlicher Geschäftszahlen die Entlastung verweigert oder RWE wegen des Reputations-Gaus "Hambacher Forst" angegangen wird, so sind das keine singulären Ereignisse, sondern das Spiegelbild umwälzender Bewegungen auf Investorenseite.

Unter anderem getrieben durch gesellschaftliche Erwartungen, wie die Bewegung "Friday for Future", und regulatorischen Druck, wie die Aktionärsrechterichtlinie oder Shareholder Rights Directive II (SRD II), haben institutionelle Anleger ihren Blick auf Performance noch stärker auf langfristige und nicht-finanzielle Aspekte ausgeweitet. Nachhaltigkeitsrisiken, die Verwicklung in gesellschaftliche Kontroversen oder gar Nachholbedarf in Sachen "Purpose und Culture" sind heute ebenso willkommene Anlässe für Kritik wie die Klassiker Dividende, Ertragslage und Vergütung. Dass sich immer mehr Investoren der Eskalations-Taktiken von Aktivisten bedienen, um diese Kritik vorzubringen oder Mehrheiten zu organisieren, ist ebenfalls ein Element der neuen Normalität.

Vom taktischen zum wohlbegründeten Abstimmverhalten

Entsprechend haben sich die Angriffsflächen der Unternehmen vergrößert. Alles, was sich im Sinne der erweiterten Performance-Definition zum Fingerzeigen eignet, vergrößert die Verwundbarkeit gegenüber Attacken durch engagierte Investoren. Dennoch überwiegen die Chancen: Entlang der Anforderungen von SRD II sind Investoren gehalten, ihr Abstimmverhalten aus einer wohlbegründeten Anlagestrategie abzuleiten, die auf einen nachhaltigen Wertbeitrag ausgerichtet ist. Ein reines Abnicken von Verwaltungsanträgen ist damit ebenso wenig opportun wie die rein taktische Unterstützung aktivistischer Gegenvorschläge oder der Empfehlungen von Stimmrechtsverwaltern. Durch das Prinzip "Comply or Explain" steigen zugleich Transparenz und Unterscheidbarkeit. Unternehmen, die sämtliche investorenrelevanten Aspekte über ein aktives Shareholder Engagement adressieren und systematisch an ihren Schwächen arbeiten, haben die Chance, eine starke Verteidigungslinie gegen kurzfristig orientierte, womöglich disruptive Aktionäre aufzubauen.

Neuer Benchmark-Index macht Shareholder Engagement vergleichbar

Wie sind die Unternehmen der DACH-Region aktuell aufgestellt? Wo verfügen sie über Stärken, wo sind sie verwundbar? Und wem gelingt es am besten, engagierte Investoren zu überzeugen? Um das herauszufinden, haben wir einen Benchmark-Index entwickelt, der die Emittenten anhand der relevanten Investoren-Kriterien auf den Prüfstand stellt und vergleichbar macht. Die großen börsennotierten Industrieunternehmen aus DAX, MDAX, SMI und ATX – insgesamt 68 Werte – haben wir hinsichtlich ihrer Ertrags- und Finanzlage, der Aktienperformance und Bewertung, der ESG- und Governance-Standards, des Investoren-Sentiments, der Aktionärsstruktur und des Abstimmverhaltens unter die Lupe genommen. Mehr als 200 Datenpunkte je Unternehmen, gespeist aus Börsenportalen, Unternehmensberichten und der Medienberichterstattung, flossen – verdichtet zu sechs Indizes und dann zu einem Gesamt-Score – in die Bewertung ein.

Das Gesamtergebnis: 26 Prozent der Unternehmen erreichen einen Gesamtscore von mehr als 60 Prozent und dürfen damit als gut präpariert beziehungsweise wenig verwundbar gelten. 24 Prozenten der Emittenten bewegen sich mit einem Score von 55 bis 60 Prozent im oberen, weitere 26 Prozent im unteren Mittelfeld (50 bis 55 Prozent), welches bereits markante Schwächen in unterschiedlichen Clustern repräsentiert. Die verbleibenden 24 Prozent der Unternehmen weisen gemessen an den Kriterien eine sehr hohe Verwundbarkeit auf. Hier liegt der Gesamtscore unter 50 Prozent.

Kursverluste & Gewinnrevisionen – die Stimmung ist im Keller

Markante Schwächen bestehen zum einen im Analysten- und Investoren-Sentiment. Bei 79 Prozent der Unternehmen waren die Analysten gezwungen, ihre Gewinnschätzungen für 2019 in den letzten zwölf Monaten herunterzuschrauben, bei 27 Prozent der Unternehmen sogar um mehr als 20 Prozent. Ähnlich negativ sehen die Gewinnrevisionen für das Jahr 2020 aus. Jeweils mindestens 60 Prozent der DACH-Industriewerte schneiden in punkto Wachstumserwartungen und Gewinnrevisionen deutlich schlechter ab, als die jeweilige internationale Branchen-Peergroup. Die vergleichsweise große Spreizung der Analystenschätzungen ist zugleich ein Hinweis darauf, dass es nicht allen Unternehmen gelingt, Erwartungen via Guidance und Equity Story strategisch zu steuern.

Natürlich trägt auch die Kursperformance zum negativen Sentiment bei. 56 Prozent der Unternehmen haben ihren Anlegern einen negativen Total Shareholder Return beschert, bei 43 Prozent der Emittenten fiel dieser höher aus als 10 Prozent. Damit einhergehend signalisiert die fundamentale Bewertung der Unternehmen im Vergleich zu Benchmark-Indizes und der Branchen-Vergleichsgruppe vielfach Einstiegskurse.

Vergütung bleibt eine Achillesferse

Die Governance- und insbesondere die Vergütungs-Standards bleiben ebenfalls eine Achillesferse vieler Unternehmen. So haben knapp 30 Prozent der Unternehmen den variablen Vergütungsbestandteil erhöht, obwohl Aktionärsvermögen vernichtet wurde. Hinzu kommt, dass die nicht-variablen Bestandteile um rund 5 Prozent angehoben wurden.

Mit Blick auf ihre Aktionärsstruktur können sich nur 40 Prozent der Unternehmen halbwegs in Sicherheit wähnen. Bei ihnen erreichen die strategischen Anteilseigner die Mehrheit der Stimmrechte, gemessen an der Präsenz der letzten Hauptversammlung. Jedes fünfte Unternehmen weist dagegen einen Streubesitz von 100 Prozent auf. Trotz der spektakulären Nicht-Entlastung des Bayer-Vorstands sprechen die Abstimmungsergebnisse der letzten beiden Hauptversammlungen noch nicht dafür, dass Mehrheiten in der Breite ins Wanken geraten. Der Vorstand wurde im Schnitt bei 2,3 Prozent Gegenstimmen entlastet, der Aufsichtsrat bei 3,4 Prozent. Allerdings: Rechnet man die Stimmen der strategischen Investoren heraus, beläuft sich der Anteil der Aktionäre, die dem Vorstand die Entlastung verweigern, bereits auf durchschnittlich mehr als 5 Prozent. Das Vergütungssystem, sofern in den letzten fünf Jahren zur Abstimmung gestellt, fiel im Durchschnitt bei 18 Prozent der Aktionäre durch.

Medienwirksame Kritik zeigt Sollbruchstellen auf

Überdies wurde bei mehr als 40 Prozent der Unternehmen Kritik seitens der Investoren an der wirtschaftlichen Entwicklung, der Kurs-Performance oder der Unternehmensführung über die Medien gespielt. Mehr als jedes vierte Unternehmen war obendrein Gegenstand von Berichten über vorzeitige Vorstandswechsel und / oder Schwierigkeiten bei der Neubesetzung von Management-Positionen. Solche möglichen Sollbruchstellen im Zusammenspiel von Unternehmensleitung und -kontrolle könnten von Aktivisten ausgenutzt werden.

Umschalten auf aktives Shareholder Engagement

Die Analyse zeigt: Unternehmen haben allen Anlass, sich mit der systematischen Beseitigung von Schwachstellen auseinanderzusetzen. Aus dem forcierten Engagement-Ansatz der Investoren folgt das Erfordernis an Unternehmen, ihrerseits auf aktives Shareholder Engagement umzuschalten. Damit haben sie Chancen wie noch nie, auf langfristige Wertsteigerung zu setzen anstatt auf Quartalsoptimierung – und ihre Aktionärsstruktur mit großer Transparenz strategisch zu steuern.

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