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Digitales Arbeiten in Zeiten von Covid-19

Digitales Arbeiten in Zeiten von Covid-19

2. April 2020

Die gegenwärtige Krise wird unsere zukünftige Arbeitskultur massiv verändern

Wie werden wir in Zukunft arbeiten? Die Corona-Krise wird enorme Auswirkungen auf unsere Arbeitswelt, insbesondere auf die Kultur unseres Zusammenarbeitens haben. Einerseits kann die flächendeckende Einführung von Homeoffices für die Unternehmen zu Produktivitätsgewinnen führen. Andererseits wird die derzeitige Tendenz zum flächendeckenden Homeoffice auch zu der Einsicht führen, dass Unternehmenskultur und soziale Interaktionen für Innovationen und Kreativität unverzichtbar sind.

Besser alleine? Inwiefern nützen Homeoffices den Unternehmen?
Besser alleine? Inwiefern nützen Homeoffices den Unternehmen?

Covid-19 und die neue Organisation von Arbeit: Wie schaut die "neue Normalität" aus?

In der Zukunft werden der Ausbruch und die Verbreitung des Corona-Virus einmal als eine Zeit gelten, in der sich unser Arbeitsleben grundlegend gewandelt hat.

Wird die Gegenwart dann als der Beginn einer neuen Ära von digitalen Arbeitsplatzen in die Geschichte eingehen? Als der Anfang vom Ende der traditionellen Arbeitswelt und jener Bürostrukturen, die mit einer klaren Trennung von Arbeitsleben und Privatleben einhergingen. Oder wird umgekehrt die mit der Corona-Krise verbundene ökonomische und soziale Disruption dazu führen, dass die Bedeutung von persönlichen Kontakten und eines Umfelds von sozialen Kontakten den Unternehmen wieder stärker deutlich wird.

Eines ist gewiss: Unternehmenskultur, Führung, Berufserfahrung und der Umgang mit dem Homeoffice – das alles kommt jetzt auf den Prüfstand. Die Art und Weise, in der viele Unternehmen arbeiten, ändert sich nun gleichsam über Nacht, und eine Rückkehr zur "alten" Normalität wird es nicht geben. Die kulturelle und ökonomische Organisation wird sich für immer verändern. Das Problem ist nur, dass wir derzeit gar nicht genau abschätzen können, wo die Unterschiede zwischen Gestern, Heute und Morgen genau liegen.

Digitale Arbeitsplätze: Möglicher Anstieg der Produktivität

Das Arbeiten aus dem Homeoffice ist derzeit für viele Unternehmen die beste Möglichkeit, das operative Geschäft in Zeiten der Corona-Krise aufrecht zu erhalten.

Aus einer unternehmerischen Perspektive lautet die entscheidende Frage, ob dieser den aktuellen Umständen geschuldete Zwang zu einer flächendeckenden Ermöglichung von Homeoffices führen wird, die auch nach der Krise Bestand haben wird. Oder ist der aktuelle Trend zum Homeoffice lediglich eine außergewöhnlichen Umständen geschuldete Notmaßnahme?

Blicken wir zunächst auf Europa! Deutschland, innerhalb Europas die größte Volkswirtschaft, liegt beim prozentualen Anteil der im Homeoffice Beschäftigten an der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung im europäischen Mittfeld, während insbesondere die skandinavischen Ländern diesbezüglich weitaus fortgeschrittener sind.

Wie stellt sich die Situation in Deutschland im Detail dar? Ganz unabhängig von der Frage, wie sich der Corona-Virus auf die Ausbreitung von digitalen Arbeitsplätzen auswirken wird, wird das Homeoffice in Deutschland, so zeigen Daten von Statista, immer populärer. In einer für Bitkom erstellten Studie gaben 43 Prozent der befragten Unternehmen an, dass sie davon ausgehen, dass der Anteil der Beschäftigten, die in den nächsten fünf bis zehn Jahren von zu Hause arbeiten werden, ansteigen wird. Die gleiche Studie zeigt auch, dass bereits jetzt, 30 Prozent der Unternehmen ihren Mitarbeitern Homeoffice anbieten. Auch für die Beschäftigten ist Homeoffice sehr attraktiv. 35 Prozent der Befragten geben an, dass sie ihren derzeitigen Job aufgeben würden, wenn sie dadurch mehr zeitliche Flexibilität und die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, gewinnen würden.

Homeoffice in Deutschland: Angebot und Nachfrage steigen

Wie auch immer die Zukunft digitaler Arbeitsplätze eines Tages aussehen wird, schon jetzt steht fest, dass Menschen, die von zu Hause arbeiten, mit spezifischen Herausforderungen konfrontiert sind:

Telearbeiter, die von zu Hause oder von irgendwo auf der Welt arbeiten, akzeptieren, dass die Grenzen zwischen ihrem Arbeitsleben und ihrem privaten Leben verschwimmen. Und wenn auch der digitale Arbeitsplatz und das Homeoffice zu größerer Freiheit und Flexibilität beitragen können, so verlangt dies von allen Beteiligten doch auch eine größere Verantwortung und Verlässlichkeit. Die davon betroffenen Manager und Telearbeiter müssen deshalb gemeinsam herausfinden, wie die Balance zwischen Berufs- und Arbeitsleben gewahrt werden kann – nicht zuletzt auch aufgrund gesundheitlicher Erwägungen .

Obwohl also das flächendeckende Homeoffice ganz neuartige Herausforderungen mit sich bringt – sowohl für die Beschäftigten als auch für die Unternehmen – ist der mögliche Nutzen doch offensichtlich. Neue Studien zeigen, dass Unternehmen, die ihren Mitarbeitern größeren Freiraum hinsichtlich ihres Arbeitsortes und ihrer Arbeitszeit gewähren, die Produktivität jedes einzelnen Mitarbeiters erhöhen und die Kosten für die Büroorganisation senken konnten.

Das Forschungsteam um Prithwiraj Choudhury , Professor an der Harvard Business School, analysierte in einer Studie die Auswirkungen und Ergebnisse hochgradig flexibler Arbeitsbedingungen. Das Team fand heraus, dass Beschäftigte mit sehr flexiblen Arbeitsbedingungen um 4,4 Prozent produktiver sind als Beschäftigte, die noch unter traditionelleren Bedingungen hinsichtlich ihres Arbeitsortes arbeiten. Choudurys Forschungsergebnisse zeigen den Unternehmen Möglichkeiten auf, wie sie die Effekte von flexiblen Arbeitsbedingungen nutzen können und dabei auch einen bestimmten Typus von Arbeitnehmern für das eigene Unternehmen gewinnen können.

Erfolgreiche Unternehmen, die Mitarbeitern Homeoffice ermöglichen, stellen sicher, dass die Telearbeiter nicht vereinsamen und ein soziales Arbeitsumfeld aufrechterhalten wird.

Auf die Kultur kommt es an: Warum Gefühle und soziale Interaktionen für unser Arbeitsleben so wichtig sind

Die durch die Studie von Choudhury belegten Produktivitätspotenziale werden sich aber nur realisieren lassen, wenn die kulturellen und sozialen Herausforderungen, die mit der gegenwärtigen Tendenz zu flächendeckendem Homeoffice verbunden sind, bewältigt werden.

Zweifellos wird auch die Technologie eine große Rolle bei der Frage spielen, wie produktiv unsere neue Arbeitswelt sein wird. Aber Technologie ist eben nicht alles! Wie erfolgreich und wie effizient sich digitale Arbeitsplätze in die bestehende Kultur eines Unternehmens integrieren lassen, ist primär keine Frage der IT. Vielmehr hängt diese Frage wesentlich davon ab, wie sehr die bestehende Unternehmenskultur und die Möglichkeiten für soziale Interaktionen im neuen Umfeld aufrechterhalten werden können.

Menschen sind soziale Wesen, und deswegen schadet eine übermäßige soziale Distanz ihrer Produktivität, Kreativität und Innovationsfähigkeit. Die derzeitige Corona-Krise stellt diese Fähigkeiten, auf die jedes Unternehmen angewiesen ist, auf eine harte Bewährungsprobe.

Empirische Studien haben gezeigt, dass Menschen, die in einem Raum zusammenarbeiten, Probleme schneller lösen als virtuell verbundene "Homeworker". Auch der soziale Zusammenhalt von Teams und die Fähigkeit zur Kooperation wird im virtuellen Setting schwächer.

Wie Unternehmensführung, Manager und Organisationen die Arbeit von zu Hause auf vielfältigen Levels und in unterschiedlicher Form unterstützen, das wird das entscheidende Kriterium dafür sein, ob die Vorteile von Homeoffice in Zukunft die möglichen Nachteile überwiegen.

Schluss: Nicht alle Unternehmen mit Möglichkeiten zu Homeoffice sind erfolgreich

Erfolgreiche Unternehmen, die Mitarbeitern Homeoffice ermöglichen, haben bestimmte Prozesse dafür etabliert. Sie stellen so sicher, dass die Telearbeiter nicht vereinsamen und ein soziales Arbeitsumfeld aufrecht erhalten wird. In der aktuellen Krise ist das besonders wichtig. Die Chancen und Möglichkeiten von digitalen Arbeitsplätzen werden sich nur entfalten, wenn sich unsere gesamte Organisation von Arbeit darauf einstellt.

Die neue Ära flächendeckender digitaler Arbeitsplätze bietet Unternehmen enorme Möglichkeiten. Diese werden sich aber nur realisieren lassen, wenn die Kultur eines Unternehmens darauf vorbereitet ist und das dafür notwendige Umfeld schafft. Nur so lassen sich der Anstieg der Produktivität mit Kreativität, Innovation und Kooperation kombinieren.

Roland Berger untersucht und erforscht die makroökonomischen Konsequenzen der Corona-Krise. Für unsere neuesten Forschungsergebnisse in diesem Bereich und entsprechende Materialien kontaktieren Sie [email protected] .