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Es wird Zeit für die Kreislaufwirtschaft in der Baubranche

Es wird Zeit für die Kreislaufwirtschaft in der Baubranche

11. Februar 2021

Wie die Kreislaufwirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit und neuen Geschäftsmöglichkeiten im Baugewerbe führen kann

In kaum einer Branche ist der Energie- und Rohstoffkonsum so hoch wie in der Bauindustrie, was zu einer enormen Belastung der Umwelt führt: Rund 40% der CO2-Emissionen und nahezu ein Drittel aller Abfälle in der EU entstehen durch das Baugewerbe. Eine deutliche Verbesserung der ökologischen Situation könnte durch den Übergang von einer linearen zu einer zirkulären Wirtschaftsweise erzielt werden. Darüber hinaus werden bis zum Jahr 2025 innovative Geschäftsmodelle für zusätzliche globale Marktchancen mit einem Volumen von über 600 Mrd. Euro und einer Wachstumsrate im zweistelligen Bereich sorgen.

"Wir gehen davon aus, dass durch neuartige zirkuläre Geschäftsmodelle im Baugewerbe bis 2025 ein globaler Markt von mehr als 600 Mrd. Euro mit einer jährlichen Wachstumsrate von 12% entstehen wird. Genau in dieser Kreislaufwirtschaft wird Europa eine führende Rolle spielen."
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Gut für den Planeten, die Menschen und das Geschäft

Von Wasser und Elektrizität bis hin zu Stahl und Beton - für den Bau unserer Häuser, Büros und Straßen werden unfassbare Mengen an Ressourcen verbraucht. Doch um welchen Preis geschieht dies? In Europa entfällt mehr als ein Drittel des gesamten Energieverbrauchs auf den Baubereich. Darüber hinaus werden nur 40% des Bauschutts von Gebäuden aufbereitet oder wiederverwertet. Die meisten Recyclingmaterialien werden zudem nicht für den Neubau von Gebäuden, sondern lediglich als Füllmaterial im Straßenbau eingesetzt.

Es ist also nicht weiter überraschend, dass die Baubranche in europäischen Ländern zukünftig verstärkt auf Strategien der Kreislaufwirtschaft setzt. Diese zielen schließlich durch eine verbesserte Effizienz und der Wiederverwendung von Materialien darauf ab, Abfall und Ressourcenverbrauch zu minimieren. Vom Entwurf bis zum Bau, der Nutzung und dem eventuellen Rückbau und Recycling findet sich dazu in jeder Phase eine Möglichkeit.

Der Nutzen eines zirkulären Ansatzes geht dabei weit über den ökologischen Aspekt hinaus. Es bieten sich auch erhebliche soziale und wirtschaftliche Vorteile. Erwähnt sei beispielsweise die positive Auswirkung auf das Wohlbefinden durch umweltfreundliche Baumaterialien und der nachweislichen Steigerung der Produktivität. Durch die Einführung innovativer Geschäftsmodelle entlang der gesamten Wertschöpfungskette erwarten wir bis 2025 einen zusätzlichen Umsatz auf dem globalen Markt von mehr als 600 Mrd. Euro bei einer jährlichen Wachstumsrate von 12%. Europa wird in dieser "neuen" Kreislaufwirtschaft mit einem Marktanteil von 240 Mrd. Euro eine führende Rolle spielen.

Entlang der Wertschöpfungskette konnten wir 10 innovative Geschäftsmodelle für die Kreislaufwirtschaft des Bauwesens ausmachen, welche die nachhaltige Entwicklung und das Wachstum der Branche vorantreiben werden. Schon in der Planungsphase lässt sich durch fortschrittliche Software und umweltorientierte Ingenieur- und Beratungsleistungen das Design optimieren. Darauf aufbauend kann ein schnell wachsendes Portfolio an erneuerbaren und recycelten Materialien mit effizienten neuen Bauverfahren wie 3D-Druck und Vorfertigung kombiniert werden. Die Weiterverwendung von Rohstoffen und Baumaterialien kann zudem zu einer Minimierung von Abfällen in der Bauausführung beitragen. Während des Betriebs helfen digitale Lösungen dabei, die Energieeffizienz und Raumnutzung drastisch zu verbessern und eine intelligente, vorausschauende Wartung zu ermöglichen, was wiederum für eine Verlängerung der Gebäudelebenszeit sorgt. Am Ende des Lebenszyklus bietet materialspezifisches Upcycling von Bauschutt eine gute Möglichkeit, wertvolle Rohstoffe auch für den Neubau wieder zu verwenden.

Die Säulen eines neuen Ökosystems

Die Baubranche beinhaltet eine vielfältige Wertschöpfungskette. Die Bildung einer Kreislaufwirtschaft erfordert ein breit aufgestelltes Netz aus Partnerschaften, sowohl zwischen neuen als auch etablierten Akteuren, um gemeinsam ein völlig neues Ökosystem zu schaffen. Erste Fortschritte sind bereits zu verzeichnen und es gibt bereits zahlreiche Beispiele für zukunftsweisende Ansätze:

Etablierte Akteure diversifizieren: Ein internationales Ingenieurbüro überträgt den Green Design Ansatz im Gebäudebereich auf die städtebauliche Ebene, was für ein natürlicheres Stadtbild sorgt. Ein großes Architekturbüro hat eine neue Tochtergesellschaft für die Wiederverwertung von Baumaterial gegründet, um die gestiegene Nachfrage nach „zirkulären“ Produkten zu bedienen.

Neue Partnerschaften werden geschmiedet: Ein führendes Recycling-Unternehmen baut ein Unternehmensnetzwerk für einen geschlossenen Recycling-Ansatz für Baumaterialien auf. Derzeit zählt dieses Netzwerk 800 Unternehmen als Mitglieder.

Wagen Sie den Einstieg in Technologie-Start-ups: Eine wachsende Zahl neuer Technologieunternehmen sorgt derzeit für Innovationen im Bauwesen. Ein in den USA ansässiges Unternehmen hat digitale Lösungen entwickelt, mit deren Hilfe sich der Energieverbrauch in Gebäuden so präzise steuern lässt, dass sich Energieeinsparungen von bis zu 50% erzielen lassen. Dank IoT-Technologie können Unternehmen nun Gebäudetechnik in Echtzeit überwachen, Mängel frühzeitig erkennen und deren Lebensdauer nachhaltig verlängern.

Neue Geschäftsmodelle: Auch Sharing- und Plattform-Ökonomien halten Einzug im Baugewerbe. Eine flexible gemeinsame Nutzung von Büros kann sowohl Mietern als auch Vermietern zugutekommen, Leerstand vermeiden und zu einer signifikanten Einsparung von Ressourcen führen. Durch ein digitales Baustoffregister wird die Identifizierung und Wiederverwertung von wertvollen Rohstoffen abgesichert.

Aufbau von Marktvolumen und Gewinnmargen

Dieses neue Ökosystem der Kreislaufwirtschaft wird es der Bauindustrie insbesondere in Europa ermöglichen, mit neuen Geschäftsmodellen zusätzliche Umsatz- und Ergebnispotentiale mit einem starken Wachstum von bis zu 30% pro Jahr zu erschließen. Aufgrund der Größe des Marktes werden zunächst Geschäftsmodelle für erneuerbare und recycelte Materialien den größten Anteil mit rund 70% ausmachen.

Die Wachstumsdynamik innerhalb dieses Ökosystems ist sehr unterschiedlich. Die rasche Einführung digitaler Technologien wird das Wachstum neuer und innovativer zirkulärer Geschäftsmodelle stark vorantreiben. Von denjenigen in der Planungs- und Entwurfsphase erwarten wir zwischen 2020 und 2025 eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 20%. Modelle, die mit dem Geschäftsbetrieb in Verbindung stehen, werden im gleichen Zeitraum weltweit um 13% und in der EU um 18% wachsen. Die bislang weitgehend unentwickelte Verwertungsphase wird in den nächsten vier Jahren die größte durchschnittliche jährliche Wachstumsrate aufweisen: 33% in Europa und 27% weltweit.

Mit dem Wachstum der Kreislaufwirtschaft steigen auch die Ergebnispotentiale innerhalb der einzelnen Geschäftsmodelle, wenngleich die Raten dabei unterschiedlich ausfallen. Auf der einen Seite bietet das Recycling von überschüssigem Material eine Gewinnspanne von 5-7%, während man beim Recycling von Baumaterial bei 5-9% liegt. Auf der anderen Seite führen technologische Innovationen zu einer Gewinnmarge von 20-25% beim ressourcenschonenden Bauen und beim Upcycling in der Verwertungsphase.

Sechs Erfolgsfaktoren

Die Einführung eines zirkulären Geschäftsmodells bietet Unternehmen der Bauwirtschaft entlang der gesamten Wertschöpfungskette eine Vielzahl von Chancen. Um dies zu nutzen, muss die Branche die folgenden sechs Erfolgsfaktoren berücksichtigen.

  • Die gesamte Lieferkette ist zu überdenken. Erfolgreiche Geschäftsmodelle können nur konzipiert und umgesetzt werden, wenn alle Lieferanten den zirkulären Ansätzen gegenüber den linearen Vortritt gewähren.
  • Es gilt, die gesamte Projektlaufzeit zu betrachten. Durch die Analyse der Material- und Energieflüsse über die gesamte Lebensdauer eines Bauprojekts lässt sich die Effizienz optimieren.
  • Der Aufbau eines kollaborativen Ökosystems lohnt sich. Nur eine Zusammenarbeit quer durch die gesamte Lieferkette kann einen ganzheitlichen Wandel herbeiführen. Investoren, Designer und Bauherren müssen an einem Strang ziehen und ein geeignetes Ökosystem schaffen.
  • Digitale Technologien sind die Zukunft. Innovation, Forschung und Entwicklung bilden die Grundpfeiler für den erfolgreichen Übergang zu zirkulären Geschäftsmodellen im Bauwesen.
  • Am Anfang steht die Entwicklung von Geschäftsmodellen. Ein rigoroser Ansatz ist für den erfolgreichen Bestand in der Branche entscheidend. Um das volle Potential auszuschöpfen, ist es notwendig, die Leistungsfähigkeit zu steigern und eine Investitionsstrategie nach dem Make-or-Buy-Prinzip zu entwerfen.
  • Erfolgt durch Erweiterung und Skalierung. Es gilt, die vielversprechendsten Kunden auf dem Markt zu gewinnen und neu erworbene Fähigkeiten des gesamten Unternehmens zu skalieren, um auf diese Weise neuartige Geschäftsmodelle voranzutreiben

Nehmen Sie Kontakt zu unserem Partner Ralph Büchele auf, der Sie gerne ausführlich zu diesem Thema berät und Ihnen weiterführendes Informationsmaterial zur Verfügung stellt.

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