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State of the Nation: Konjunktur

State of the Nation: Konjunktur

7. August 2023

Konjunktur und wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland

Die derzeitige Stagflation schwächt das Wachstumspotenzial Deutschlands. Zu dieser Einschätzung kommen das Handelsblatt Research Institute (HRI) und Roland Berger in ihrer Gemeinschaftsanalyse "State of the Nation 2023". Ihr zufolge tritt Deutschland seit drei Jahren wirtschaftlich auf der Stelle – das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist heute in etwa so hoch wie zu Ausbruch der Covid-19-Pandemie Anfang 2020. Und ein durchgreifender Aufschwung ist aktuell nicht in Sicht, im Gegenteil.

Die aktuelle Stagflation wirft einen Schatten auf Deutschlands Wachstumspotenzial.
Die aktuelle Stagflation wirft einen Schatten auf Deutschlands Wachstumspotenzial.

Gefahr einer nachhaltigen Wachstumsschwäche steigt

Damit fehlen der deutschen Volkswirtschaft nun schon 13 Quartale Wachstum in Folge. Ein so lange Phase der Stagnation hat es im Nachkriegsdeutschland noch nicht gegeben. Für das laufende Jahr rechnet das HRI in seiner aktuellen Konjunkturprognose mit einem BIP-Rückgang um insgesamt 0,7 Prozent. Auch im Jahr 2024 wird die deutsche Volkswirtschaft demnach nur um 0,6 Prozent wachsen und für die darauffolgenden Jahre sind ebenfalls kaum noch Wachstumsraten über ein Prozent zu erwarten. "Spätestens im kommenden Jahrzehnt wird reales Wachstum keine Selbstverständlichkeit mehr sein", sagt der HRI-Präsident und langjährige Wirtschaftsweise Prof. Dr. Bert Rürup zu den ökonomischen Perspektiven Deutschlands.

Verantwortlich für die Wachstumsschwäche sind zum einen globale Trends wie geopolitische Risiken oder zunehmender Protektionismus, welche die in hohem Maße offene deutsche Volkswirtschaft besonders treffen. Zum anderen ist Deutschland durch Sonderfaktoren wie Ukraine-Krieg, Aufrüstung der Bundeswehr, Dekarbonisierung und grüne Transformation, asylbedingte Hilfen oder notwendige Investitionen in digitale und Verkehrsinfrastruktur auf Jahre hinaus finanziell belastet. Die Konsumlaune der Verbraucher verharrt, durch den anhaltenden Kaufkraftschwund infolge der hohen Inflation getrübt, weiterhin auf sehr niedrigem Niveau. Und auch aus der Weltwirtschaft dürften mit Blick auf Zinswende und Blockbildung zwischen den USA und China zumindest kurzfristig kaum Impulse kommen.

Hohe Beschäftigung und niedriger Schuldenstand als Stabilisatoren

Zudem entwickeln sich weitere volkswirtschaftliche Parameter wenig günstig. So wird die Inflation laut HRI-Prognose zwar tendenziell zurückgehen, aber mit 5,4 Prozent im laufenden Jahr und drei Prozent in 2024 dürfte sie weit vom Preisstabilitätsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von zwei Prozent entfernt bleiben. Arbeitslosigkeit und Schuldenstand werden infolge der Wachstumsschwäche voraussichtlich leicht ansteigen – die Arbeitslosenquote dürfte mit 5,9 Prozent in 2024 um 0,2 Prozentpunkte höher liegen als 2023. Und der Schuldenstand in Prozent des BIP wird wahrscheinlich im selben Zeitraum ebenfalls zulegen, und zwar laut HRI-Prognose von 66,5 auf 66,9 Prozent – was allerdings immer noch deutlich unter dem aktuellen EU-27-Durchschnitt von 84 Prozent läge. "Deutsche Unternehmen müssen jetzt die Weichen stellen, damit sie im internationalen Vergleich konkurrenzfähig bleiben", sagt Sascha Haghani, Senior Partner und Co-Leiter der globalen Restrukturierungs- und Performance-Sparte bei Roland Berger. "Es gilt, die zentralen Herausforderungen wie Reglobalisierung, Digitalisierung, Dekarbonisierung und Demografie mit Mut, Ideenreichtum und Veränderungsbereitschaft anzugehen."

Der Wachstumsmotor stottert – doch es könnte noch schlimmer kommen

Die Konjunktur läuft nicht rund und wird möglicherweise weiter stocken: Gemeinsam mit der FutureValue Group (FVG) hat Roland Berger untersucht, wie sich relevante Risiken auf die wichtigsten volkswirtschaftlichen Parameter auswirken könnten. Analysiert wurden insgesamt sieben solcher "Gamechanger":

  • Eintritt einer schweren Energiekrise
  • Eskalation geopolitischer Konflikte
  • Neuerlicher Ausbruch einer Pandemie
  • Massive (weitere) Zinsschritte der Zentralbanken
  • Absturz von Vermögenswerten wie Aktien oder Immobilien
  • Vertrauensverlust auf den Finanzmärkten
  • Schließlich, als einziges Positivszenario: Beendigung des Ukraine-Krieges

"Spätestens im kommenden Jahrzehnt wird reales Wachstum keine Selbstverständlichkeit mehr sein."

Bert Rürup

Präsident Handelsblatt Research Institute

Die Auswirkungen dieser möglichen Disruptionen wären teilweise dramatisch. Im Basisszenario, also bei Berücksichtigung der Ereignisse gemäß Eintrittswahrscheinlichkeit nach Modellannahmen, würde das BIP im laufenden Jahr um 0,8 Prozent einbrechen. Im Stressszenario, also für den möglichen Fall eines Eintritts gleich mehrerer Negativereignisse, würde Deutschland auch im kommenden Jahr nicht aus der Talsohle herauskommen und in der Rezession feststecken (BIP-Schrumpfung um -0.4 Prozent in 2024). Auch Zins und Inflation würden nicht unter fünf Prozent sinken – und das Wachstum der deutschen Volkswirtschaft auf Jahre hinaus blockieren. Lediglich im "Best Case" einer Beendigung des Ukraine-Krieges und des Ausbleibens weiterer Krisen wäre im kommenden Jahr mit einem Wachstum von mehr als zwei Prozent zu rechnen.

Unterm Strich bleibt jedoch der gemeinsame Befund von HRI und Roland Berger: Die kommenden Jahre dürften für Unternehmen am Standort Deutschland auch mangels konjunkturellen Rückenwinds herausfordernd werden.

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