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Urbane Logistik: von der Atomisierung zur „Massifizierung“

Urbane Logistik: von der Atomisierung zur „Massifizierung“

29. September 2022

Nur mit Kooperation hat die urbane Logistik eine nachhaltige Zukunft

Verbraucher erwarten immer häufiger, dass bestellte Artikel innerhalb kürzester Zeit und zu erschwinglichen Preisen geliefert werden – ein Trend, der durch die Corona-Pandemie noch verstärkt wurde. Verbraucherfreundlichkeit wird großgeschrieben.Der Umsatz im Online-Handel boomt weltweit, und auch für die kommenden Jahren wird ein jährliches Marktwachstum von 9 Prozent erwartet.Um dem veränderten Umfeld gerecht zu werden, haben Logistikunternehmen die Warenauslieferung „atomisiert“, d.h. Aufträge werden in mehreren Teilaufträgen erfüllt. Dies führt nicht nur zu mehr Komplexität und Kosten, sondern auch zur Überlastung der städtischen Infrastruktur und zu steigenden Emissionen. Die aktuelle Studie von Roland Berger "From atomization to massification | Urban logistics must make a U-Turn to achieve a sustainable future" (Von der Atomisierung zur „Massifizierung“ |Urbane Logistik benötigt eine 180-Grad-Wende für eine nachhaltige Zukunft) untersucht, wie eine nachhaltige Kooperation aller beteiligten Akteure – von Logistikunternehmen bis zu Infrastrukturanbietern – die städtische Infrastruktur entlasten und zugleich sicherstellen kann, dass die Kundenanforderungen zeitnah und nachhaltig erfüllt werden.

"Die rasante Zunahme der Warenströme, verbunden mit höheren Ansprüchen der Verbraucher, führt zu einer steigenden Komplexität der urbanen Logistik. Niemand weiß, wie lange die urbane Logistik mit diesem Tempo noch Schritt halten kann."
Portrait of Tobias Schönberg
Senior Partner
Dubai Office, Mittlerer Osten

Das wachsende Problem der Atomisierung

Rund 56 Prozent der Online-Käufer im Alter von 18 bis 34 Jahren erwarten eine Lieferung noch am selben Tag. Gleichzeitig steigt die Zahl der Kunden und Produktkategorien, während die Nachfrage immer größeren Schwankungen ausgesetzt ist. Das veränderte Verbraucherverhalten hat dazu geführt, dass sich die Logistikunternehmen anpassen mussten und immer mehr Artikel einzeln liefern, was wiederum neue Herausforderungen mit sich bringt.

Nicht nur der Business-to-Consumer-Markt (B2C) ist von diesem Problem betroffen. Auch im Business-to-Business-Sektor (B2B) nimmt der Online-Handel stark zu, wobei die Kunden den gleichen Service erwarten wie im privaten Bereich. Logistikunternehmen müssen auch hier eine schnelle und bequeme Lieferung gewährleisten, was sich in mehr Komplexität und steigenden Kosten niederschlägt. Es bleibt zwar abzuwarten, ob die Atomisierung im B2B-Handel das gleiche Ausmaß erreicht wie auf dem B2C-Markt, doch die Auswirkungen sind bereits jetzt spürbar.

Wenn keine Maßnahmen gegen die zunehmende Atomisierung ergriffen werden, dürften die Lieferkosten parallel zu den Kundenerwartungen steigen. Die zusätzlichen Kosten würden in diesem Fall unweigerlich auf die Kunden abgewälzt, die dann aus Kostengründen auf Dienstleistungen wie die Zustellung am selben Tag verzichten könnten. So lässt sich in Schweden bereits jetzt beobachten, dass die Verbraucher nicht bereit sind, für die Lieferung von online bestellten Lebensmitteln an die Haustür zu bezahlen –ein Trend, der den Druck auf das Ökosystem der urbanen Logistik letztendlich mildern könnte.

Isolierte Lösungen reichen nicht aus

Schon heute suchen Unternehmen dringend nach Lösungen zur Entlastung der urbanen Logistik. Allerdings konzentrieren sich die meisten Maßnahmen auf die unmittelbaren Herausforderungen einzelner Akteure und verfolgen somit keinen gemeinschaftlichen Ansatz zur Umgestaltung des gesamten Ökosystems. So verwenden beispielsweise einige Logistikunternehmen bereits Spezialfahrzeuge (Purpose-Built Vehicles, PBV), um die Auslieferung von Waren zu optimieren. Diese Fahrzeuge, auch als "Container auf Rädern" bezeichnet, reduzieren die für die Abholung und Zustellung von Paketen notwendigen Schritte und haben das Potenzial, die Flotte der herkömmlichen Zustellfahrzeuge um 10 bis 15 Prozent zu verkleinern. Trotz der Vorteile für die Umwelt aufgrund der geringeren CO2-Emissionen und trotz der möglichen Verkehrsentlastung in den Städten steht die urbane Logistik aber weiterhin unter enormem Druck. Und obwohl es weltweit innovative Bemühungen zur Optimierung der Güterverkehrstechnologie gibt und die Entwicklung neuer Fahrzeugtypen voranschreitet, konnte sich bislang noch keine Lösung durchsetzen.

Drei verschiedene Szenarien für die Zukunft

Sollte die Atomisierung weiter zunehmen, sind drei verschiedene Szenarien denkbar. Im ersten Szenario dominieren die Einzelhandelsriesen – dank Investitionen in neue Gebäude, Infrastruktur und Software können sie noch komfortablere und schnellere Lieferoptionen anbieten und zugleich die Kosten unter Kontrolle halten. Dieses Szenario hätte vermutlich starke Auswirkungen auf Städte, Logistikunternehmen und Verbraucher, die sich den Regeln und Vorschriften der Einzelhändler gegebenenfalls beugen müssten. Im zweiten Szenario erzwingen staatliche Regulierungen eine Bündelung der Verkehrsströme bzw. eine „Massifizierung“. Ein solcher Eingriff würde urbane Logistikunternehmen allerdings vor erhebliche Probleme stellen und unter anderem die Einführung innovativer Technologien und Dienstleistungen behindern.

Im dritten Szenario bündeln die Akteure des Ökosystems ihre Anstrengungen. Logistikunternehmen könnten durch Sammellieferungen und Prozessoptimierung Zeit und Geld sparen, die Kunden würden verbraucherfreundlicher und günstiger beliefert, und die Umweltverschmutzung in den Städten würde erheblich abnehmen. Dies ist das optimale Szenario für alle Beteiligten, da es ein Gleichgewicht entstehen lässt, von dem alle profitieren: Es herrscht ein gesunder Wettbewerb zwischen den Logistikunternehmen, die Behörden können das System beeinflussen, ohne es übermäßig zu regulieren, und die Erwartungen der Verbraucher werden konsequent erfüllt.

Kooperation ist das Gebot der Stunde

Im Interesse der „Massifizierung“ müssen die verschiedenen Akteure gemeinsam Maßnahmen entwickeln und umsetzen. Logistikunternehmen könnten beispielsweise Einrichtungen gemeinsam nutzen und Warenströme zusammenführen, während die Stadtverwaltungen Anreize für die Bündelung der Warenströme schaffen sollten. Die Verbraucher sollten ermutigt werden, sich aktiver an der Zustellung zu beteiligen, indem bestimmte Verhaltensweisen gefördert werden, z.B. der Erhalt von Paketen an einem bestimmten Tag oder zu einer bestimmten Uhrzeit. Fahrzeughersteller (OEM) könnten eigens Fahrzeuge für die urbane Logistik (PBV) entwickeln, die Transportkapazität, Autonomie, Geschwindigkeit und Zweckmäßigkeit miteinander verbinden.

Ein Blick in die Zukunft

Die Bündelung der urbanen Logistik dürfte unvermeidbar sein. Bereits jetzt kommt es infolge der raschen Atomisierung und der steigenden Verbrauchernachfrage zu einer Konsolidierung der Logistikunternehmen. Mit zunehmendem Wachstum und mehr finanziellen und operativen Ressourcen könnten sich die Akteure in den rentabelsten Regionen zusammenschließen – ähnlich wie im ersten Szenario, wobei in diesem Fall jedoch die Logistikanbieter und nicht die großen Einzelhändler die Rolle des "Riesen" übernähmen. Nachdem sie ihre Konkurrenten aufgekauft und so den Wettbewerb eingeschränkt hätten, könnten die Logistikunternehmen alternativ auch das dritte, auf Kooperation beruhende Szenario bevorzugen. Falls sie jedoch weder in die eine noch in die andere Richtung aktiv werden, laufen sie Gefahr, dass das zweite Szenario eintritt, in dem Städte und Regulierungsbehörden die Führung übernehmen.

Erfahren Sie in unserer Studie mehr darüber, wie Logistikunternehmen die zunehmenden Herausforderungen der Atomisierung bewältigen und dennoch die Kundenerwartungen erfüllen können.

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Studie

Urbane Logistik: von der Atomisierung zur „Massifizierung“

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Um dem Kundenwunsch nach schneller und günstiger Belieferung zu entsprechen, wurde die urbane Logistik "atomisiert. Dieses Modell ist nicht länger tragbar. Die Logistikunternehmen laufen Gefahr, durch kommunale Regulierungen gegängelt zu werden. Roland Berger erklärt, wie sie dies vermeiden können.

Veröffentlicht September 2022. Vorhanden in
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