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Logistik 4.0: Wenn die Krise zur Chance wird

Logistik 4.0: Wenn die Krise zur Chance wird

3. August 2022

Wie die Logistikbranche Krisen begegnet und warum die digitale Transformation nicht warten kann

Mit Beginn der Pandemie stand die Logistikbranche plötzlich vor völlig neuen Herausforderungen. Lieferketten wurden unterbrochen, Waren kamen nicht mehr an ihren Bestimmungsort und viele Unternehmen mussten ihre Produktion zurückfahren. Durch den Ukraine-Krieg hat sich die Situation nochmals verschärft. Aber nicht alle Logistikunternehmen sind gleichermaßen betroffen: Während Luft- und Seefracht boomen, leiden die Schienen- und Straßenlogistik und dort vor allem die mittelständischen Spediteure massiv unter den gegenwärtigen Einschränkungen. Kooperationen und strategische Allianzen könnten die Situation entschärfen. Aber die Branche muss noch ein weiteres Problem lösen: die Verbesserung ihrer Effizienz.

Der Ukraine-Krieg verschärft die Lieferketten-Krise durch den Fahrermangel weiter.
Der Ukraine-Krieg verschärft die Lieferketten-Krise durch den Fahrermangel weiter.
"Die Logistik der Zukunft ist digital, robust und transparent. So bleiben Lieferketten und Distributionsprozesse auch in Krisenzeiten intakt."
Portrait of Marc Pisoke
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Die Logistikbranche hatte schon während der Corona-Pandemie mit einigen Herausforderungen zu kämpfen. Der chronische Fahrermangel im Lkw-Transport etwa hat sich durch den Ukraine-Krieg nochmals massiv verschärft. Energie- und Treibstoffknappheit treiben die Kosten zusätzlich in die Höhe. Auch die Anhebung der Zinsen könnte für einige Unternehmen mittelfristig zum Problem werden. Denn vor allem kleinere Spediteure, die den Großteil des Straßentransports übernehmen, verfügen über wenig Eigenkapital. Das Paradoxe daran: Gerade diese mittelständischen Anbieter haben in der Vergangenheit für stabile Lieferketten gesorgt. Wie wichtig funktionierende Lieferketten und Umschlagplätze wie Häfen und Flughäfen sind, hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten gezeigt. Vor dem Hintergrund der aktuellen Probleme ist es nicht verwunderlich, dass Logistikkonzerne verstärkt über neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit, z.B. durch Bildung strategischer Allianzen, nachdenken.

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Krisengewinner Seefracht

Reedereien sind aktuell die größten Profiteure knapper Kapazitäten. Rekordpreise für Container und Frachtraten haben in den letzten beiden Jahren oftmals zu einer Vervielfachung ihrer Gewinne geführt. Angesichts der anhaltend hohen Nachfrage werden die Preise auf absehbare Zeit weiter hoch bleiben. Zudem haben Hafenschließungen in China aufgrund der Null-Covid-Strategie zu erneuten Verzögerungen und Überlastungen der Lieferketten geführt. Für 2022 ist angesichts der anhaltenden Kapazitätsknappheit bei noch stabiler Konjunktur mit erneuten Rekordergebnissen bei den großen Reedereien zu rechnen.

Straßengüterverkehr mit den größten Herausforderungen

Im Straßentransport, bedient vor allem von kleineren Unternehmen, zeigt sich ein grundverschiedenes Bild. Das ohnehin margenschwache Geschäft leidet nun zusätzlich unter hohen Energie- und Treibstoffkosten, zunehmender Fahrerknappheit und steigenden Löhnen. Diese Entwicklung trifft ein Segment, das schon länger unter starkem Wettbewerbsdruck steht. Die Umstellung auf einen klimaneutralen Straßengüterverkehrund die digitale Transformation erfordern hohe Investitionen, die viele Wettbewerber aus eigener Kraft nicht stemmen können. Auch wenn die Spediteure aufgrund der aktuellen Situation höhere Transportpreise fordern können, bleibt die Situation angespannt, denn die Kosten auf Unternehmensseite werden durch Inflation und höhere Löhne ebenfalls nach oben getrieben.

"Immer mehr Start-ups haben bestehende Digitalisierungslücken in der Logistik erkannt und erhöhen den Effizienzdruck auf die etablierten Anbieter, benötigen aber gleichzeitig ein tiefes Industrieverständnis."
Portrait of Fabian Engels
Senior Partner, Managing Director Doha
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Schienenverkehr durch Osteuropa eingeschränkt

Auch der Schienengüterverkehr leidet unter den Folgen des Ukraine-Kriegs. Die "Eiserne Seidenstraße", die China und Europa über die Schiene als Transportkorridor verbindet, war in den letzten Jahren eine schnelle Alternative zum Seeweg, bei vergleichsweise moderaten Kosten. Derzeit bestehen jedoch keine direkten Zugverbindungen mehr durch die wichtigen Transitländer Russland, Belarus und Ukraine. Um den Warenverkehr bestmöglich aufrechtzuerhalten, sind viele Unternehmen auf alternative Routen umgestiegen und nutzen kombinierte Transportlösungen per Schiff und Bahn.

Luftfracht bleibt Mittel der Wahl für schnelle Transporte

Die Luftfracht war mit Beginn der Pandemie ebenfalls stark eingeschränkt. Der Wegfall Tausender Passagierflüge weltweit hat über Nacht die wichtigen Kapazitäten für Belly Freight massiv reduziert. Nun müssen viele Carrier wegen gesperrter Flugrouten über Russland auf längere, kostenintensivere Routen ausweichen. Für die Luftfracht-Unternehmen wird sich dies dennoch auszahlen: Denn trotz hoher Kerosinpreise bleibt die Nachfrage nach schnellen Transportmöglichkeiten mangels Kapazitäten im Schienen- und Straßenverkehr hoch.

End-to-End-Logistik und Digitalisierung für mehr Effizienz

Die Logistikbranche steht also vor großen Herausforderungen. Getrieben durch die Krisen der letzten beiden Jahre und strukturelle Veränderungen in der Industrie wie im Handel (Stichworte E-Commerce, Quick Commerce), werden widerstandsfähige, stabile Lieferketten und eine konsequente digitale Transformation zunehmend wichtiger. Integrierte End-to-End-Lösungen tragen wesentlich dazu bei, die Versorgung mit produktionskritischen Rohstoffen, Materialien und Vorprodukten oder mit in Asien produzierten Endprodukten sicherzustellen. Allerdings bleibt abzuwarten, ob sich vollintegrierte Geschäftsmodelle durchsetzen, denn viele Kunden wollen sich nach den Erfahrungen während der Pandemie nicht mehr von einem Anbieter abhängig machen. Die umfassende Digitalisierung logistischer Prozesse, etwa zur Optimierung von Routen und Kapazitätsauslastungen, ist dagegen unabdingbar, um die notorischen Effizienzprobleme der Branche zu beseitigen. Die Unternehmen müssen allerdings schnell handeln, denn immer mehr Start-ups haben bestehende Digitalisierungslücken erkannt und machen den etablierten Anbietern zunehmend Konkurrenz.

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