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Globale Krisen und ihre Auswirkungen auf Unternehmen und Wirtschaft

Globale Krisen und ihre Auswirkungen auf Unternehmen und Wirtschaft

30. Juni 2022

Roland Berger Krisenmodellierung: Wie Unternehmen Risiken besser managen können

Selten gab es so viele Krisen gleichzeitig, und noch nie wurden die Herausforderungen unserer globalisierten Welt deutlicher: Corona-Pandemie, Lieferkettenprobleme, Ukraine-Krieg, Energie- und Rohstoffknappheit sowie massive Inflation - all diese disruptiven Ereignisse haben weltweit unabsehbare ökonomische Auswirkungen. Sämtliche großen Industrienationen sind gleichermaßen betroffen: Während die USA mit massiver Inflation kämpfen und die Europäische Union (EU) zusätzlich durch den Ukraine-Krieg auf die Probe gestellt wird, rutscht Chinas Wirtschaft aufgrund andauernder Lockdowns im Rahmen der Null-Covid-Strategie immer weiter ab. Folge: Die BIP-Prognosen (Bruttoinlandsprodukt) für Europa, China und die USA sinken nahezu im Gleichschritt und eine "Dreifachrezession" droht.

Lässt sich der aktuelle Abwärtstrend der großen Volkswirtschaften nicht stoppen, droht im schlimmsten Fall eine globale Rezession.
Lässt sich der aktuelle Abwärtstrend der großen Volkswirtschaften nicht stoppen, droht im schlimmsten Fall eine globale Rezession.

Vier Krisenszenarien bedrohen derzeit die wirtschaftliche Erholung besonders

Folgende vier Szenarien hat Roland Berger gemeinsam mit den Risikoexperten der FutureValue Group im Rahmen einer stochastischen Modellierung der wirtschaftlichen Entwicklung der kommenden drei Jahre in Deutschland näher beleuchtet:

  • Energiekrise: Durch den Ukraine-Krieg haben sich die Energiepreise bereits massiv erhöht; eine mögliche Ausweitung des Russland-Embargos kann zu Versorgungsengpässen insbesondere in energieintensiven Industrien führen.
  • Geopolitische Krise: Konflikte in Europa, aber möglicherweise perspektivisch auch in anderen Weltregionen führen zu Unterbrechungen globaler Lieferketten und daraus resultierend zu Versorgungsengpässen, die kurzfristig nicht beseitigt werden können, z.B. bei Nahrungsmitteln, Rohstoffen, Halbleitern oder Elektronikbauteilen.
  • Zinskrise: Infolge der bereits weit über die angenommene Toleranzschwelle von drei Prozent gestiegenen Inflation muss die EZB mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre lockere Geldpolitik beenden und die Zinswende einleiten. Allerdings: Je später die EZB reagiert, desto drastischer werden die einzelnen Zinsschritte ausfallen müssen. Hierdurch wird u.a. die Nachfrage nach langlebigen Konsumgütern sinken.
  • New-Covid-Krise: Neue Coronavirus-Varianten können erneut zu restriktiven Maßnahmen bis hin zu regionalen Lockdowns führen, inklusive Hafensperrungen und Produktionsstopps insbesondere in Null-Covid-Ländern wie China.

"Unternehmen müssen die Tragweite einer Krise frühzeitig erkennen. Dies ist nur mit einer risikoadjustierten Planung möglich."
Portrait of Sascha Haghani
Senior Partner, CEO Germany and DACH Region, Member of the Supervisory Board
Frankfurt Office, Zentraleuropa

Es scheint also, dass der Ukraine-Krieg erst der Anfang einer andauernden Krisenwelle sein könnte. Sollten sich die genannten Krisen manifestieren bzw. verschärfen, trifft es in erster Linie Branchen wie Automobil, Maschinenbau und Stahl aufgrund der globalen Verflechtung ihrer Wertschöpfungsketten und dem ohnehin bestehenden Transformationsdruck z.B. infolge der Energiewende.

Ein Blick auf die Profitabilität eines DACH-Durchschnittsunternehmens macht die prekäre Lage besonders deutlich: Um seine EBIT-Marge von 8,4 Prozent im Jahr 2021 zu halten und die gestiegenen Kosten für Energie, Material, Personal und Zins zu kompensieren, müsste es in 2022 Preiserhöhungen von fast sieben Prozent durchsetzen. Dies ist nur für die ca. 25 Prozent an Unternehmen mit sehr hoher Preissetzungsmacht realistisch. Hinzu kommt: Eine nachhaltig hohe Inflation und steigende Zinsen belasten nicht nur die (Real-)Einkommen der Konsumenten, sondern erhöhen auch die Finanzierungskosten für Unternehmen.

Die Experten von Roland Berger haben anhand eines Simulationsmodells die Gesamtwirkung aller vier Krisen analysiert und in drei Szenarien überführt:

Basisszenario:

Der Ukraine-Krieg hält an und die Covid-Situation verbessert sich erst ab Frühjahr 2023 spürbar. Die Wirtschaft 2022 stagniert, danach kommt ein verhaltener Aufschwung. Moderate Zinsschritte sind ausreichend, allerdings bleiben Inflation und Ölpreise zunächst hoch.

Stressszenario:

Mehrere globale Krisen verstärken sich gegenseitig. Die Inflation verfestigt sich und macht Zinssprünge nötig, der Ölpreis verharrt auf hohem Niveau. In diesem Szenario droht eine dreijährige Rezession. Erst 2024 wäre das Niveau von 2020 wieder erreicht.

Aufschwungszenario:

Der Ukraine-Konflikt wird rasch gelöst, weitere Krisen materialisieren sich nicht. Es kommt zu einem globalen Wirtschaftsaufschwung durch Aufholeffekte nach Covid. Die Inflation flacht ab durch Rückgang der Energiekosten, die Zinsen bleiben auf niedrigem Niveau und der Ölpreis normalisiert sich.

Unsere Szenarien zeichnen das große Bild. Im Einzelnen ergeben sich in Bezug auf die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland bis 2024 folgende Orientierungswerte:

BIP:

Im Basisszenario würde das BIP bis 2024 nur moderat steigen, trotz Aufholeffekt im Jahr 2023. Der Wohlfahrtsverlust gegenüber dem Aufschwungszenario betrüge mehr als drei Prozentpunkte BIP. Sollten sich die Krisen noch verschärfen oder neue hinzukommen (Stressszenario), droht sogar eine dreijährige Rezession mit einem Einschlag von minus fünf Prozent im laufenden Jahr. Erst 2024 würde wieder das Niveau von 2020 erreicht.

Inflation:

Die Inflation wird 2022 im Jahresmittel sehr wahrscheinlich die Fünf-Prozent-Marke überschreiten und könnte im Stressszenario sogar auf über sieben Prozent steigen. Sowohl im Basis- als auch im Stressszenario ist in den Jahren 2023 und 2024 aufgrund gegenläufiger Effekte mit einem leichten Absinken auf unter sechs bzw. vier Prozent zu rechnen. Allerdings wird das Preisstabilitätsziel der EZB von zwei Prozent mit hoher Wahrscheinlichkeit in keinem Szenario erreicht.

Zinsniveau:

Die Auswirkungen der Zinswende werden sich voraussichtlich erst 2023 vollumfänglich bemerkbar machen. Im Basisszenario ist in den kommenden beiden Jahren von einem Nominalzins (3M-Euribor) von etwa einem Prozent auszugehen. Im Stressszenario könnte der Zins auf über vier Prozent steigen und damit ein Niveau erreichen, das es seit der Finanzkrise 2008/2009 nicht mehr gab.

Energiepreise:

Der Ölpreis (als Richtwert für die Energiepreise insgesamt) dürfte im Basisszenario sein Allzeit-Jahreshoch von 2012 deutlich überschreiten und ab 2023 wieder sinken. Im Stressszenario wird er dagegen auf einem hohem Niveau von über 150 USD je Barrel UK Brent verharren. Die Gaspreise werden insgesamt hoch bleiben und nicht merklich zurückgehen.

Deutsche Unternehmen am Scheideweg

Deutsche Unternehmen stehen somit am Scheideweg. Sollte es zu einer Dauerkrise über mehrere Jahre kommen (Stressszenario), ist mit einem hohen BIP-Rückgang 2022, erschwerter Energieversorgung, stark steigenden Finanzierungskosten und erhöhter Insolvenzgefahr zu rechnen.

Auch ein Comeback (Aufschwungszenario) ist denkbar, aber nach derzeitigem Stand eher unwahrscheinlich, da die bestehenden Krisen kurzfristig nicht lösbar erscheinen und die Risiken durch weitere geopolitische Verwerfungen, massive Zinserhöhungen und erneute Lockdowns weiter hoch bleiben.

Aus Sicht der Roland Berger Experten ist derzeit ein Basisszenario mit weiter solider Inlandsnachfrage und stabilen Exporten am wahrscheinlichsten. Allerdings werden Unternehmen aufgrund der steigenden Zinsen mit höheren Finanzierungskosten belastet. Es drohen Investitions- und Innovationsstaus, die zu einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit führen können.

Robuste Unternehmen sind auch in Krisenzeiten erfolgreich

Jede Krise ist auch eine Chance, und Unternehmen können sich auf Krisen vorbereiten. Allerdings erfordert die aktuell hohe Ungewissheit eine klare Strategie und eine neue Form der Planung, um bei sich realisierenden Risiken die eigenen Pläne nicht permanent anpassen oder gar revidieren zu müssen. Unternehmen sollten deshalb in Szenarien denken und alle relevanten Risiken und Ereignisse mit hoher Wirkung in ihrer Planung angemessen berücksichtigen. Gewinner werden jene Unternehmen sein, die sich schnell anpassen, effizienter werden, höhere Preise durchsetzen und robuste Strukturen schaffen, um Versorgungsengpässe und Produktionsstopps zu vermeiden. Zudem bedarf es einer starken Eigenkapitaldecke und einer diversifizierten Finanzierungsstrategie, um auch bei länger anhaltenden oder besonders schwierigen Krisen durchhalten zu können.

Krisendossier
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360-Grad-Perspektive auf die Welt von morgen

Vorliegender Beitrag ist der Startpunkt eines mehrteiligen Dossiers zu Krisenszenarien und ihrem volks- und betriebswirtschaftlichen Impact. Weitere Themen in Vorbereitung:

  • Eine Analyse der Situation in den deutschen Leitbranchen Automotive , Handel und Logistik und ihrer zentralen Herausforderungen unter Einschluss von Digitalisierung und Dekarbonisierung.
  • Ein Ausblick auf die Wirkung der hier vorgestellten Krisenszenarien auf einige der wichtigsten Volkswirtschaften weltweit (USA, CHN, UK, F, I, ES).
  • Ein neuer unternehmerischer Ansatz zu Krisenmodellierung und risikoadjustierter Planung, der Risikoblindheit vermeidet, die Effektivität von Planungsprozessen erhöht und das Management von Unsicherheit für Unternehmen handhabbar macht.

Darüber hinaus finden Sie in unserer Gemeinschaftsstudie "Kompass für Deutschland – Handlungsdruck in ungewissen Zeiten" zahlreiche Beiträge unserer Kooperationspartner Handelsblatt Research Institute sowie Latham & Watkins zu den Themenbereichen "Economics & Policy" sowie "Legal & Regulatory", die Unternehmern und Entscheidern eine 360-Grad-Perspektive auf den aktuellen "State of the Nation" und die Welt von morgen vermitteln.

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