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Maschinenbau zwischen Konjunkturkrise und Disruption

Maschinenbau zwischen Konjunkturkrise und Disruption

Portrait of Gerald Orendi
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30. Juli 2019

Unternehmen müssen ihr Kerngeschäft stärken, adaptiver werden und endlich aktiv digitalisieren

"Im Gegensatz zur Krise vor zehn Jahren wird es diesmal nicht reichen, an der Kostenschraube zu drehen. Die Unternehmen müssen sich grundlegend neu aufstellen und in ihre Digitalisierung investieren."
Portrait of Gerald Orendi
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Der Maschinen- und Anlagenbau ist eine tragende Säule vieler Industriestaaten. In Deutschland gilt er als größter Arbeitgeber mit starker Exportorientierung sogar als Vorzeigebranche schlechthin. Gleichzeitig fungiert er als eine Art inoffizielles Konjunkturbarometer, gelten die Auftragsbücher der Unternehmen doch als guter Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung in nachgelagerten Branchen.

So weit, so gut, könnte man nun denken, denn im Vergleich zur Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 zeigt sich der Maschinen- und Anlagenbau derzeit in finanziell guter Verfassung. Doch viele Unternehmen leiden unter den schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen, wachsender politischer Unsicherheit und den Folgen des technologischen Wandels. Besonders hart trifft es Firmen mit hoher Abhängigkeit vom konventionellen Antrieb im Automotive-Umfeld. Ihre Situation zeigt, dass sich zur allgemeinen Konjunktureintrübung und rückläufigen Investitionen, mit denen auch andere Industrien zu kämpfen haben, diesmal die Herausforderungen eines tiefgreifenden strukturellen Wandels gesellen: der digitalen Disruption.

Gerade der deutsche Maschinen- und Anlagenbau hat stark vom Investitionsboom der vergangenen Jahre profitiert. Jetzt stehen die Unternehmen vor der schwierigen Frage, welche Geschäftsmodelle, Maschinen und Lösungen eine Zukunft haben.
Gerade der deutsche Maschinen- und Anlagenbau hat stark vom Investitionsboom der vergangenen Jahre profitiert. Jetzt stehen die Unternehmen vor der schwierigen Frage, welche Geschäftsmodelle, Maschinen und Lösungen eine Zukunft haben.

Die Branche steht vor zentralen Herausforderungen

Die Branche selbst gibt sich keinen Illusionen hin: Nach einer zunächst bescheidenen Wachstumsprognose geht der VDMA inzwischen von einem Minus von 2 Prozent für 2019 aus. Auch der wichtigste Abnehmer des Maschinen- und Anlagenbaus, die Automobilindustrie, verzeichnet im Vergleich zum Vorjahr in vielen Segmenten einen Absatzrückgang.

Neben verschiedenen politischen und ökonomischen Ursachen für ausbleibende Investitionen (u.a. Handelsstreit mit den USA, geringeres Wachstum in China, Brexit) sowie strukturellen Problemen der Autoindustrie, die sich beim Kauf neuer Maschinen und Investitionen in neue Technologien im konventionellen Antrieb derzeit stark zurückhält, hat die Branche auch mit hausgemachten Problemen zu kämpfen. Dazu zählen unter anderen die fehlende Platzierung im Mid-End Segment, ein komplexes Produktportfolio und teilweise zu unflexible Wertschöpfungsstrukturen. Die Muster sind jeweils von den spezifischen Segmenten und Unternehmen abhängig.

"In der aktuellen Situation der Branche – ob noch unter Volllast laufend oder bereits stark unter der konjunkturellen Eintrübung leidend – kommt es darauf an, sich einerseits für die Krise zu rüsten, andererseits die sich aus der Digitalisierung ergebenden Chancen zu nutzen."
Portrait of Jan-Oliver Sestak
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Was jetzt zu tun ist: Für schlechte Zeiten rüsten und Chancen nutzen

In dieser Situation kommt es für alle Unternehmen – ob noch unter Volllast laufend oder bereits stark unter der konjunkturellen Eintrübung leidend – darauf an, sich einerseits für die Krise zu rüsten, andererseits die sich aus der Digitalisierung ergebenden Chancen zu nutzen. Dazu muss zunächst das Kerngeschäft „wetterfest" gemacht werden. Ein kurz- bis mittelfristiges Kostenprogramm schafft hier die Voraussetzungen. Mindestens genauso wichtig ist es aber, für möglichst adaptive Strukturen zu sorgen – wo dies noch nicht der Fall ist, sollten schnell entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Zweitens müssen Themen wie Standardisierung zur Kostenreduktion und Verschlankung der Prozesse jetzt konsequent angegangen werden. Dies kann in letzter Konsequenz sogar auf ein Re-engineering des bisherigen Wertschöpfungsmodells hinauslaufen.

Drittens sollten Unternehmen ihr Portfolio in Richtung digitale Geschäftsmodelle und neue Offerings weiter ausdifferenzieren. Dafür müssen sie mutig neue Wege einschlagen, denn konventionelle Wachstumsstrategien werden künftig nicht mehr zum Erfolg führen. Gleichzeitig gilt es, ihre Aufstellung in den verschiedenen globalen Regionen und Märkten kritisch zu hinterfragen.

Im Vergleich zur Wirtschaftskrise 2008 und 2009 steht der Maschinen- und Anlagenbau damit vor einer völlig anderen Situation. Die reine Fokussierung auf Kosten und Finanzmittel ist nicht mehr zeitgemäß. Wer sein Geschäft langfristig absichern will, muss disruptive Trends proaktiv angehen.

Für die Umsetzung ist es in Zeiten wie diesen stets geboten, Risiken möglichst stark zu streuen. Hierbei können Partnerschaften einen wichtigen Beitrag leisten, dazu gehört aber auch, Kostenfreiräume zu schaffen und über den Carve-out von Aktivitäten nachzudenken. Weil jedes Unternehmen anders ist, braucht jedes eine individuelle Lösung. Für die passende Strategie gibt es kein Patentrezept.

Aktuelle Studie:
Hypothesen zur Zukunft des Maschinen- und Anlagenbaus

Die aktuellen Empfehlungen reflektieren auch die allgemeinen Schlüsselherausforderungen und Lösungsansätzen der Branche. Diese liegen in den Bereichen Geschäftsmodell, Kostenstrukturen und Performance-Kultur.

1. Herausforderungen im Bereich Geschäftsmodell

Das Ende des Capex-Booms

In Sachen Investitionen wurde die Branche in den vergangenen Jahren reichlich verwöhnt – insbesondere im stark gewachsenen chinesischen Markt. Mit der Wachstumsschwäche einiger Branchen wie der Nahrungsmittel- oder Automobilindustrie ist die Entwicklung spürbar abgeflacht. Umso wichtiger ist es, möglichst flexibel auf Konjunktur- und Auftragsschwankungen reagieren zu können.

Wandel der Anwenderindustrien

Die massive Veränderung bzw. Disruption vieler Anwenderindustrien stellt den Maschinen- und Anlagenbau vor bislang nicht dagewesene Herausforderungen. Prominentestes Beispiel ist die Automobilindustrie mit der Verlagerung auf alternative Antriebe. Der Aufschwung und die hohe Nachfrage der letzten Jahre haben dazu geführt, dass sich insbesondere Unternehmen aus dem Werkzeugmaschinenbereich zu wenig mit den anstehenden Veränderungen auseinandergesetzt haben. Praktisch alle Anbieter suchen nun nach Alternativanwendungen oder neuen Wachstumsfeldern. Aber auch andere Industriezweige wie Prozess- und Verpackungsmaschinen für Pharma-, Ernährungs- und Getränkeanwendungen stehen durch aktuelle Trends wie Nachhaltigkeit und Digitalisierung vor großen Veränderungen.

Digitalisierung verstehen und nutzen

In einem zunehmend digitalen Umfeld fehlt vielen Maschinenbauunternehmen die Fähigkeit, digitale Produkte kundenorientiert zu antizipieren und zu entwickeln. Es fehlt aber auch an überzeugenden Anwendungsbeispielen und der notwendigen Kreativität, von den Chancen der Digitalisierung zu profitieren. Die großen Digital-Konzerne greifen die Branche mit ihren Plattform-Lösungen zwar frontal an, beherrschen die Schnittstelle zwischen Maschine, Varianz und Applikation aber nicht. Trotzdem wird es nur für wenige Unternehmen die richtige Lösung sein, sich in Richtung Plattformanbieter zu positionieren.

Automatisierung treibt den Strukturwandel

Automatisierungstechnologien stellen den Kern der Wertschöpfung der gesamten Branche infrage. Neue Player drängen in den Markt, viele Lösungen des klassischen Maschinen- und Anlagenbaus werden dadurch obsolet. Trotzdem ist vom Einstieg in neue Geschäftsmodelle, die nicht auf dem bestehenden Kerngeschäft aufbauen, dringend abzuraten.

2. Herausforderungen im Bereich Kostenstrukturen

Flexibilität und adaptive Strukturen als Erfolgsfaktoren

In vielen Maschinenbauunternehmen sind klassische Effizienzsteigerungsthemen, die jahrelang nicht oder nur punktuell angegangen wurden, noch stark ausbaufähig: etwa in den Bereichen Lieferantenmanagement, Modularisierung und Standardisierung. Außerdem fehlt es den Unternehmen an Elastizität, weil beispielsweise die Abhängigkeit von Spezialisten in der Auftragsabwicklung infolge fehlender Standardisierung noch immer deutlich zu groß ist.

Installation von Frühwarnsystemen

Das aktuelle Instrumentarium (Arbeitszeitkonten, Kurzarbeit etc.) reicht aus, um angemessen auf Krisen reagieren zu können. Allerdings sollte es durch möglichst konkrete und unternehmenskulturell kompatible Kostensenkungspläne ergänzt werden. So kann etwa ein individuelles „Frühwarnsystem“ aufgebaut werden, das auf Daten aus Auftragseingang, Endkundenmarktentwicklung und Investitionsindikatoren basiert.

3. Herausforderungen im Bereich HR und Performancekultur

Personell haben alle Industrieunternehmen an vielen Fronten zu kämpfen: Die Liste reicht von Überalterung und einem Mangel an Nachwuchskräften über Kompetenzdefizite in den Bereichen Digitalisierung, Geschäftsmodell, Standardisierung, Wachstumsinitiativen und Trends bis hin zu fehlender
Performancekultur und einem Mangel an wirksamen Performanceprogrammen. Um diese Themen anzugehen, müssen die Unternehmen dringend ihre Attraktivität sowohl für gut ausgebildete Nachwuchskräfte aus dem akademischen Bereich als auch für Auszubildende verbessern.

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