Analyse: Von der bipolaren zur multipolaren Welt

Think:Act Magazin “Geopolitik 2.0”
Analyse: Von der bipolaren zur multipolaren Welt

Portrait of Think:Act Magazine

Think:Act Magazine

München Office, Zentraleuropa
25. Juli 2022

Bruno Maçães und Shivshankar Menon über die Verwandlung einer bipolaren in eine multipolare Welt

Interview

von Steffan Heuer
Fotos von Gary Doak and Qilai Shen

Mehr zum Thema "Geopolitik"

Die geopolitische Lage hat sich verändert. Einige sagen: Eine US-dominierte Welt hat sich in eine multipolare verwandelt. Shivshankar Menon und Bruno Maçães sagen: Die Lage ist viel komplexer.

Es war schon mal leichter, das Geflecht internationaler Beziehungen zu begreifen. Geopolitik ist nicht mehr allein das exklusive Spiel gekrönter oder gewählter Staatenlenker: Sie wird vorangetrieben von Graswurzelbewegungen und Populisten, angestoßen von globalen Organisationen, die nach dem Zwei­ten Weltkrieg geschaffen wurden. Und das verbunden mit den Unsicherheiten eines globalen Wirt­schaftssystems, in dem Spekulationsblasen oder Lieferkettenprobleme in einem Teil der Welt Kata­strophen im anderen Teil der Welt auslösen können. Noch entscheidender ist: Die Blickwinkel verschieben sich. Die traditionelle eurozentrische Sichtweise von Weltpolitik als einem Nullsummenspiel, bei dem eine Handvoll Staaten mitspielen, wurde zunächst verdrängt durch eine, in der die USA als Hegemon und einsame Supermacht im Zen­trum stehen. Seit dem politischen und wirt­schaftlichen Aufstieg Chinas aber sprechen Experten und Wissenschaftler heute von einer Welt mit zwei oder mehr entscheidenden Playern, einer sogenannten bi- oder multi­polaren Weltordnung. Bruno Maçães und Shivshankar Menon sind zwei bedeutsame Stimmen in der anhaltenden Debatte darüber, wie die sich verschiebenden tekto­nischen Platten staatlicher Macht in Zeiten von zunehmenden Flutkatastrophen, sozialen Medien und Viren kartografiert und überquert werden können. Der Politikwissenschaftler und Autor Maçães kennt das Spiel aus erster Hand. Er war portugiesischer Staats­sekretär für europäische Angelegenheiten, als die Schuldenkrise tiefe Gräben zwischen den EU-Staaten aufriss. Heute sammelt er auf der ganzen Welt Eindrücke und Stimmen für seine Bücher, die als Wegweiser durch das unbekannte Terrain der Geopolitik dienen sollen, darunter The Dawn of ­Eurasia und ­Geopolitics for the End Time.

Menon ist einer der renommiertesten Diplomaten und Vordenker Indiens und bekleidete mehrere hochrangige Posten an den neuen Fronten der Weltpolitik. Er war von 2010 bis 2014 nationaler Sicherheitsberater unter Premierminister Manmohan Singh, von 2006 bis 2009 Staatssekretär im Außenministerium und zuvor indischer Hochkommissar für Pakistan und Sri Lanka sowie Botschafter in China und Israel. Sein neuestes Buch heißt India and Asian Geopolitics: The Past, Present.

Ein Porträt des Politikanalysten Bruno Maçães. © laif/eyevine/Gary Doak
Bruno Maçães, Politikanalyst und Autor von The Dawn of Eurasia und Geopolitics for the End Time.

In Geopolitics for the End Time beschreiben Sie die Welt nach Corona als "neuen Planeten", auf dem Staaten dazu gezwungen sind, ein neues "Weltspiel" zu spielen. Ist das ein Vorgeschmack auf eine neue Geopolitik?

Wir müssen unser Konzept der Weltpolitik um einen entscheidenden neuen Spieler erweitern. Mir fällt auf, dass in Büchern über internationale Beziehungen jegliche Referenz zur Umwelt fehlt. Vielleicht habe ich diesen Fehler früher sogar selbst begangen, als ich erforschte, wie sich ein multi­polares Staatensystem entwickelt. Die Pandemie hat uns vor Augen geführt, dass ein neuer Akteur die Bühne betreten hat, der mit scheinbar übernatürlichen Kräften ausgestattet ist und so Einfluss auf politische Entscheidungen hat, die zuvor undenkbar schienen. Wir erleben eine Revolution. Aber es ist keine ideologische Revolution von links oder rechts, sondern eine Revolution der Natur oder ihres Repräsentanten – des Coronavirus.

"Die Natur revoltiert."
Portrait of Bruno Maçães
Politikanalyst

Sie sehen darin eher ein Spiel als eine Rivalität, die im schlimmsten Fall zum Krieg führen könnte?

Die Umwelt ist für Menschen und Staaten eine Herausforderung, die sie bewältigen oder zumindest zeitweise unter Kontrolle bringen müssen. Diese Aufgabe werden verschiedene Staaten unterschiedlich bewältigen. Und das illustriert die Idee eines Spiels sehr gut. In einem Krieg wird der Konflikt zwischen Staaten oder Menschen ausgetragen, die direkt involviert sind. In einem Spiel, oder auch im Sport, stehen die Akteure in einem indirekten Wettbewerb zueinander. Es geht darum, wer eine bestimmte Aufgabe besser bewältigt. Genau das passierte während der Pandemie. Wir alle waren sehr interessiert an Daten, die zeigen sollten, wer die Pandemie besser managt, beispielsweise Tabellen und Charts, die Staaten miteinander verglichen. Ich denke, dass dasselbe beim Klima­wandel passieren wird. Ein indirekter Wettbewerb, der brutal sein kann. Das wird die Story sein – für den Rest unseres Lebens und vielleicht darüber hinaus.

Könnte man nicht auch sagen, die Natur hat wieder die Bühne betreten? Die Menschen haben doch schon immer die Elemente bekämpft. Wie müssen Politiker darauf reagieren?

Das stimmt, wir haben die Natur durch die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch bekämpft, aber in den letzten 300 Jahren dachten wir, dass wir die Kontrolle besäßen und sich die Natur in ein passives, regloses Subjekt verwandelt hätte. Ich denke, dass die Politik daraus ein paar Lehren ziehen kann. Erstens: Politik muss erkennen, dass dieser neue Akteur künftig der entscheidende Akteur sein wird. Sie muss sich um diese Erkenntnis herum neu organisieren und begreifen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf unsere Gesellschaften und sogar auf den Wettbewerb zwischen Staaten haben wird. Zweitens: Die Politik muss verstehen, dass Technologie der einzige Weg ist, dieser zunehmend gefährlichen Umwelt zu begegnen. Es werden weitere herausfordernde und schlimmere Pandemien kommen, plus der Klimawandel, der kein spezifisches Phänomen ist.

Wird die Geopolitik der Zukunft so chaotisch aussehen wie die Natur selbst?

Ich glaube, dass es deutlich chaotischer sein wird. Aber in einigen Regionen und für einige Perioden wird es möglich sein, das vernünftig zu handhaben. Wir ziehen uns aus einer regelbasierten Weltordnung zurück, hin zu einer natürlicheren Umgebung, in der Regeln keine entscheidende Rolle spielen. Während der Pandemie konnte jede Regel ausgehebelt oder aufgehoben werden, wenn es einen dringenden aktuellen Bedarf gab. Sogar Regeln, die wir für heilig hielten, etwa die allgemeine Bewegungsfreiheit. Das Konstrukt aus Regeln, Institutionen und Prozessen, auf dem die westliche Welt aufgebaut ist, ist weitgehend erodiert, wenn nicht sogar kollabiert.

Was bedeutet das Ende des regelbasierten Systems und die Bedrohung durch einen unberechenbaren externen Akteur für die Wirtschaft?

Ich glaube nicht, dass wir gerade das Ende der Globalisierung erleben oder das Ende des kapitalistischen Systems, wie es viele vergangenes Jahr prophezeiten. Eher eine Phase der Umorientierung. Kapitalismus hatte einmal etwas damit zu tun, die Natur zu unterwerfen, dann verwandelte er sich in ein System von Automatismen. Jetzt wird er sich erneut umorientieren – hin zu Umwelteinflüssen und technologischem Fortschritt. Alle bekannten Wege, die bislang selbstverständlich schienen, könnten verschwinden. Unternehmen werden sich mehr auf Lieferketten, Management und Resilienz konzentrieren müssen, aber sie werden nicht nationaler werden. Letztlich kann man die Kräfte um einen herum besser kontrollieren, wenn man in verschiedenen Regionen präsent ist.

Ein Porträt von Shivshankar Menon, dem ehemaligen Sicherheitsberater der indischen Regierung. © laif/Bloomberg/Qilai Shen
Shivshankar Menon, früherer Sicherheitsberater der indischen Regierung und Autor von India and Asian Geopolitics: The Past, Present.

Wir bewegen uns weg von einer unipolaren Welt, die von den USA dominiert wurde, hin zu einer bipolaren Welt, die von den USA und China geformt wird. Welche geopolitische Rolle wird Indien künftig spielen?

Ich denke, wir befinden uns in einer ­Situation, die komplexer ist, als es Begriffe wie unipolar, multipolar oder bipolar suggerieren. In meinem Buch India and Asian Geopolitics: The Past, Present schreibe ich, dass die Weltwirtschaft durch den Aufstieg Chinas multipolar geworden ist. Aber die einzige Macht, die global militärische Gewalt ausüben kann, sind die USA. Also ist die Welt militärisch unipolar, aber gleichzeitig in komplexere regionale und lokale Machtverhältnisse aufgesplittet. In Nordostasien beispielsweise drängeln sich mehrere starke Militärmächte auf einem engen Raum, der geprägt ist von schwierigen politischen Beziehungen, maritimen und anderen Grenzkonflikten und einem eingefrorenen Krieg in Korea. Tatsächlich gibt es in der heutigen Welt kaum eine funktionierende Ordnung. Es ist zudem eine Welt mit vielen transnationalen Herausforderungen: Klimawandel, maritime Sicherheit, Cyber-Security, Extremismus, Terrorismus und nukleares Machtstreben. Das ist mehr, als ein oder zwei Mächte allein bewältigen können. Als strategisch unabhängiger Akteur mit großem internationalem Gewicht kann Indien zusammen mit anderen daran mitwirken, viele der aktuellen transnationalen Herausforderungen zu lösen. Anlassbezogene Allianzen von Willigen und Fähigen können der beste Weg nach vorn sein. Indien kann dazu beitragen, dass diese zustande kommen und Erfolg haben.

"Um die transnationalen Herausforderungen unserer Zeit bewältigen, braucht es themenbezogene Bündnisse vieler Staaten."
Portrait of Shivshankar Menon
Ehemahliger diplomat und autor

Welche Rolle spielte die Globalisierung bei Indiens Aufstieg zu einer wirtschaftlichen und politischen Macht?

Die Jahre des großen Wachstums, in denen es uns gelang, mehr als 270 Millionen Menschen aus der Armut herauszuführen, begannen, als Indien seine Wirtschaft öffnete und sich in die Weltwirtschaft integrierte. Dieses Wachstum verschaffte Indien die materielle Basis, um äußere Bedingungen mitzugestalten, die dem Land halfen, sich in einen modernen, blühenden und für all seine Bürger sicheren Staat umzuwandeln.

Welche Auswirkungen wird die Globalisierung in einer Post-Corona-Zeit auf dem Subkontinent haben? Wie wichtig werden dabei digitale Fähigkeiten sein?

Wir leben noch immer in einer globalisierten Welt. Die Zukunft des Subkontinents wird entscheidend davon abhängen, wie Aufgaben der Integration in die globale Wirtschaft angegangen und digitale und maritime Räume gemanagt werden. Die wirtschaftlichen und sozialen Indizes von Bangladesch gehören inzwischen zu den besten des Subkontinents, weil das Land sich erfolgreich in die Weltwirtschaft integriert hat und seine Einwohner mit Bildungs- und Gesundheitsangeboten versorgt. Das sind heute die wirklichen Herausforderungen, auch wenn Politiker vom alten Schlag und Neo-Autoritäre sich lieber auf trennende Politik- und Sicherheitsaspekte konzentrieren. Digitale Fähigkeiten könnten einerseits genutzt werden, um Wirtschaftswachstum, Beschäftigungsraten und Einkommen so zu steigern wie in Indien, aber auch, um Überwachung und Kontrolle auszuüben. Es ist unsere Entscheidung.

Wie wird das Verhältnis zwischen den beiden dominierenden Mächten Asiens, Indien und China, aussehen?

Indien und China haben als aufstrebende Mächte mit derselben Peripherie, aber unterschiedlichen politischen Systemen einige Differenzen, inklusive der weltgrößten Grenzstreitigkeit. Die Bilanz der chinesisch-indischen Beziehungen ist gemischt, das Verhältnis schwankte von einem Extrem ins andere, von Konflikt zu Kooperation. Heute befindet es sich wieder im Krisenmodus, weil China 2020 einseitig den Status quo in Ladakh verändert hat. Entlang der gesamten Grenze stehen sich Soldaten gegenüber. Gleichzeitig blieb China auch 2020 größter Handelspartner Indiens. Beide Regierungen signalisieren, dass sie dieser unsicheren und unbefriedigenden Situation entkommen möchten. Ich bin zuversichtlich, dass sie letztlich ihr Verhältnis erfolgreich regeln werden. Schließlich gibt es auf beiden Seiten Erfahrung und staatsmännisches Geschick. Aber man lässt sich Zeit und wählt verschlängelte Pfade, um an dieses Ziel zu gelangen.

ÜBER DEN AUTOR
Portrait of Steffan Heuer
Steffan Heuer
Steffan Heuer lebt in Berlin und Kalifornien. Seit mehr als zwei Jahrzehnten schreibt er über Technologie, Wirtschaft und Kultur des Silicon Valley, unter anderem für The Economist, die MIT Technology Review und brandeins.
Alle Online-Veröffentlichungen dieser Ausgabe
Mehr
Portrait of Think:Act Magazine

Think:Act Magazine

München Office, Zentraleuropa