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CARE Monitor 2022 – Am Puls der Pflegewirtschaft

CARE Monitor 2022 – Am Puls der Pflegewirtschaft

4. August 2022

Fachkräftemangel und Finanzierungsprobleme bleiben ein Thema

Im aktuellen CARE Monitor 2022 untersuchen Roland Berger und CARE INVEST bereits zum dritten Mal die zentralen Trends und Herausforderungen in der Pflegewirtschaft, die weiterhin stark von der Corona-Pandemie geprägt sind. Fokusthema ist diesmal die Entwicklung des Fachkräftemangels und dessen Auswirkungen auf die gesamte Branche.

Treffen der Ärzte
Erfolgreiches Personalmanagement ist zur Top-Managementaufgabe geworden und ein zentraler Erfolgsfaktor für Pflegeeinrichtungen.
"Eine moderne Personalstrategie stellt auf Wertschätzung und Entwicklung von Mitarbeitenden ab. Basis dafür muss eine authentische Führungskultur sein."
Portrait of Oliver Rong
Senior Partner
Hamburg Office, Zentraleuropa

Grundlage der Analyse bildet neben historischen Datenerhebungen die Befragung von 230 deutschen Unternehmen im Pflegebereich. Wie bereits in früheren Untersuchungen, bleibt der Fachkräftemangel die größte Herausforderung. Um diese jedoch langfristig lösen zu können, bedarf es einer gemeinsamen Anstrengung von Unternehmen der Pflegewirtschaft sowie von Gesellschaft und Politik, um ein neues, zukunftsfähiges Bild von der Arbeit in der Pflege zu entwickeln. Ein erfolgreiches Personalmanagement, das den Menschen in den Fokus stellt, wird folglich der zentrale Erfolgsfaktor in der Pflegewirtschaft bleiben.

Fachkräftemangel hat sich durch die Pandemie weiter verschärft

Im Vergleich zum CARE Monitor 2021 ist die Bedeutung des Fachkräftemangels in Pflegeberufen weiter steigend. Rund 75 Prozent der Befragten gaben an, dass sich die Situation seit 2021 nochmals verschärft hat, und der Mangel an Fachkräften das größte Problem und ein zentrales Wachstumshindernis ist. Neben der sich verändernden Altersstruktur der Bevölkerung und der damit einhergehenden Reduktion von verfügbaren Arbeitskräften, wird dieser Trend zudem durch fehlende Anerkennung im Beruf getrieben. Daher ist es nicht verwunderlich, dass immer weniger Menschen eine Ausbildung in einem Pflegeberuf in Betracht ziehen und der Arbeitsmarkt weiter ausgedünnt wird. Die Einführung der Impfpflicht für Pflegekräfte seit dem 15. März 2022 verschärft das Problem zusätzlich. Über 13 Prozent der Einrichtungen können die Impflicht für ihre Beschäftigten nicht umsetzen. Vor allem kleine und ostdeutsche Pflegeheime sind davon betroffen - sie erwarten hierdurch einen Personalverlust von über sechs Prozent im Vergleich zu 2021.

Diese Entwicklung zeigt deutlich, dass erfolgreiches Personalmanagement zur Top-Managementaufgabe geworden ist und ein zentraler Erfolgsfaktor für Pflegeeinrichtungen. Für die Gewinnung neuer Mitarbeiter versuchen viele Einrichtungen daher, ihre Attraktivität als Arbeitgeber zu erhöhen. Zur Entwicklung und Kommunikation ihrer Arbeitgebermarke nutzen sie im Recruiting sowohl digitale Kanäle (z.B. Facebook, Instagram, LinkedIn) als auch klassische Marketingmaßnahmen. Dabei hängt die Nutzung der unterschiedlichen Marketingtools vor allem von den finanziellen Möglichkeiten und der Einrichtungsgröße ab. Große Betreibergruppen fokussieren sich stärker auf digitales Marketing als kleine Einrichtungen. Denn: Personal ist heute einer der wichtigsten Stakeholder in der Pflegebranche. Für die langfristige Bindung von Beschäftigten ist eine nachhaltige Work-Life Balance immer noch ausschlaggebend. Eine verlässliche Dienstplanung steht dabei ganz oben auf der Agenda. Außerdem sind sich alle Marktteilnehmer einig: Die regelmäßige Anpassung der Vergütungsstruktur bleibt auch zukünftig ein zentrales Thema.

Umsatzsteigerungen 2022 erwartet, aber Personalkosten belasten Ergebnis

Die negativen Effekte auf die Umsatzentwicklung durch die Corona-Krise sind inzwischen rückläufig, und fast jedes zweite Unternehmen erwartet 2022 eine Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr. Allerdings gehen mehr als ein Drittel der Befragten davon aus, 2022 mit einem Defizit abzuschließen - der höchste Stand seit Beginn des CARE Monitors. Dies liegt nicht zuletzt an den um 6,8% gestiegenen Personalkosten (CARE Monitor 2021: 6,2 %). Der Grund: Durch den Fachkräftemangel hat sich der Markt für Pflegeberufe in der Kranken- und Altenpflege schon lange zu einem Arbeitnehmermarkt entwickelt. Dementsprechend liegt die Prognose für die Personalkostensteigerungen in den kommenden fünf Jahren bei 5,8 Prozent jährlich.

Dies hat auch erhebliche Auswirkungen auf die Höhe des Einrichtungseinheitlichen Eigenanteils (Anteil der Pflegekosten, den Bewohner von Pflegeeinrichtungen für die Versorgung selbst zahlen müssen - EEE). Für die Refinanzierung der gestiegenen Pflegepersonalkosten wird der EEE 2022 laut Umfrage um durchschnittlich 150 bis 200 EUR steigen. Allerdings deckt diese Erhöhung nur 81 Prozent der Personalkostensteigerungen ab und setzt die Unternehmen somit zusätzlich unter Druck. Zur Schließung der Finanzierungslücke werden verstärkt zusätzliche Services außerhalb der klassischen Pflegeleistungen angeboten und sollen so zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation beitragen. Parallel dazu werden die Kosten weiter reduziert - 62 Prozent der Unternehmen wollen besonders bei den Sachkosten einsparen, etwa durch die Bildung von Einkaufsgemeinschaften. Einsparungen bei den Personalkosten sind vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels dagegen keine Option.

Digitalisierung hinkt weiterhin hinterher

Die Maßnahmen zur Digitalisierung in der Pflege fokussieren sich aktuell auf die Vereinfachung von bestehenden administrativen Prozessen innerhalb der Unternehmen. Ein Neudenken der Prozesse unter Einbeziehung von Beschäftigten und Bewohnern steht bisher nicht im Zentrum. Finanziert werden die derzeitigen Digitalisierungsprojekte mit jährlich zwei bis fünf Prozent des Umsatzes. Allerdings glauben 48 Prozent, dass dieser Anteil für eine umfassende Digitalisierungsstrategie nicht ausreichend ist. Der hohe Investitionsbedarf ist, zusammen mit den umfangreichen Datenschutzanforderungen, die zweite große Hürde bei der Umsetzung von digitalen Projekten. Das größte Problem stellt aktuell die fehlende Standardisierung von Schnittstellen zwischen den verschiedenen IT-Systemen dar. Die Akzeptanz von Pflegebedürftigen und Pflegekräften für digitale Lösungen ist dagegen in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen und demnach kein Grund für die schleppende digitale Transformation.

Drei wichtige Handlungsfelder bestimmen die Zukunft

Auch wenn die Branche aufgrund der demografischen Entwicklung weiterhin auf Wachstumskurs ist, müssen nun die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Die Roland Berger-Experten sehen hierfür drei wichtige Handlungsfelder:

1. Wertschätzung der Mitarbeitenden in der Pflege

  • Entwicklung und Umsetzung einer ganzheitlichen Personalstrategie und Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Pflegefachkräfte
  • Etablierung einer attraktiven Work-Life-Balance zur Steigerung der Attraktivität als Arbeitgeber
  • Kommunikation von Wertschätzung und Angebot konkreter Entwicklungsmöglichkeiten für Mitarbeitende

2. Reduzierung der Sachkosten

  • Optimierung der Beschaffung durch Verschlankung der Komplexität bzw. Nutzung von Skaleneffekten über Einkaufsgemeinschaften
  • Outsourcing von Dienstleistungen außerhalb des Kerngeschäfts

3. Digitalisierung weiterdenken

  • Nutzung von digitalen Leistungen zur Vernetzung mit externen Partnern und Kooperationen mit Krankenhäusern, Apotheken oder Arztpraxen
  • Evaluierung digitaler medizinischer Leistungen, z.B. Telemedizin

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