Andrea Illy will Kaffee nachhaltiger produzieren

Think:Act Magazin “Nachhaltigkeit”
Andrea Illy will Kaffee nachhaltiger produzieren

Portrait of Think:Act Magazine

Think:Act Magazine

München Office, Zentraleuropa
30. März 2021

Illycaffè-Präsident Andrea Illy will sein Unternehmen 100%ig nachhaltig führen

Artikel

von Bennett Voyles
Fotos von André Vieira and Christopher Anderson
Stills von Jamie Chung
Illustration von Stefan Mosebach

Lesen Sie mehr über "Nachhaltigkeit"

Moderne Maschinen und mehr Recycling sind nur ein Schritt, um den CO₂-Ausstoß in der Kaffeeproduktion zu senken, meint Andrea Illy. Der Präsident des gleichnamigen Kaffeekonzerns geht an die Wurzel des Problems: die Kaffeebohne.

Die Natur drehte durch, das ließ sich nicht mehr übersehen. Über Jahre hinweg hatte Andrea Illy bei seinen Ausflügen in den norditalienischen Alpen beobachtet, wie sich dort ein nahezu tropisches Klima ausbreitete. Flora und Fauna hatten sich auf erschreckende Art und Weise verändert. In den Wäldern tauchten Tiere auf, die früher ausschließlich in weiter nördlich oder weiter südlich gelegenen Regionen vorkamen: Gämsen, Bären, gleich mehrere neue Schlangenarten und riesige Wespen, die aus Afrika eingewandert waren. "Es war verrückt, vollkommen verrückt", sagt Illy, Präsident des gleichnamigen Kaffeekonzerns mit einem Jahresumsatz von rund 500 Millionen Euro.

Auch in der Adria nahe des Illy-Firmensitzes im norditalienischen Triest machte sich der Klimawandel bemerkbar. Nicht nur die Algendichte hatte stetig zugenommen. Immer häufiger tummelten sich in den Fluten ungewohnte Tierarten wie Thunfische, Haie und Wale.

Gut zehn Jahre ist es her, dass Illy beschloss zu handeln. Damals war er CEO des Familienunternehmens, das sein Großvater gegründet hatte. Er konnte sich noch daran erinnern, wie verschmutzt die Luft in seiner Kindheit in den 60er- und 70er-Jahren war. "Damals waren die Städte oft komplett in giftigem, gelbem Nebel eingehüllt", sagt er. In diesem Punkt immerhin hatte sich die Lage zum Besseren entwickelt. Aber das reichte nicht.

"Zwei Drittel unserer CO₂-Emissionen entstehen beim Anbau. Das ist das Problem, das wir lösen müssen."

Andrea Illy

PRÄSIDENT
von Illycaffè

Vom CEO zum Öko-Aktivisten

Die Auswirkungen klimaschädlicher Emissionen, die der Unternehmer nun beobachten konnte, waren von einer wesentlich größeren Dimension. Dennoch erkannte der studierte Chemiker Illy darin nicht allein einen Grund zur Sorge, sondern vor allem eine konkrete technische Herausforderung. Er fragte sich: Was konnte sein Konzern dazu beitragen, diese Emissionen zu reduzieren?

Die ersten Maßnahmen lagen auf der Hand. Etwa der vollständige Umstieg auf recyceltes Papier. Andere waren weniger offensichtlich. Illy nahm ein Sabbatical, um über Lösungen nachzudenken. Danach verkündete er ein neues Ziel: Statt erst 2050, wie es das Pariser Klimaabkommen verlangt, soll Illy bereits 2033 klimaneutral werden – das Jahr, in dem das Unternehmen sein 100-jähriges Firmenjubiläum feiert. Mit dem Programm #OneMakesTheDifference möchte Illy dieses Ziel noch übertreffen. Seine Hoffnung: Statt nur CO₂-neutral zu werden, könnte der Konzern ab 2033 sogar mithelfen, natürliche Ressourcen wieder aufzubauen.

Technische Neuerungen sind ein wichtiger Schritt auf dem Weg dahin. Dazu gehörte die Einführung energieeffizienterer Kaffeemaschinen und recycelbarer To-go-Becher, die allein geschätzt 175 Millionen Plastik jährlich einsparen sollen. Und auch die gemeinsame Kapselproduktion mit der JAB Holding werde man noch auf eine nachhaltige Spur bringen, meint Illy. Die Kapseln selbst hätten nur einen verschwindend geringen Anteil am CO₂-Abdruck des Unternehmens, die größere Aufgabe sei es, die Kunden dazu zu bewegen, die benutzten Kapseln zu recyceln.

"Mehr Biodiversität steigert die Qualität von Agrarprodukten."

Andrea Illy

PRÄSIDENT
von Illycaffè

Auch die Kaffeebohnen sind Teil des Plans. "Wir handeln mit einem landwirtschaftlichen Produkt. Gut zwei Drittel der CO₂-Emissionen, die bei der Kaffeeproduktion entstehen, verursacht der Anbau", sagt Illy. "Das ist das Problem, das wir lösen müssen." Also nahm er die chemischen Prozesse näher unter die Lupe und entdeckte einige Stellschrauben, an denen er drehen will. Eine Idee fasziniert ihn ganz besonders: überschüssiges Kohlendioxid in Dünger umzuwandeln. Das bindet nicht nur Kohlendioxid; mit CO₂ angereicherte Böden stimulieren obendrein das Wachstum von Mikroorganismen, welche die Pflanzen schneller wachsen lassen und gleichzeitig die Zahl von Krankheitserregern reduzieren. Darüber hinaus lässt Illy um die Kaffeeplantagen herum Bäume anpflanzen. "Je mehr Bäume es gibt, umso größer ist die Biodiversität und umso widerstandsfähiger das gesamte Ökosystem, was wiederum die Qualität der landwirtschaftlichen Produkte verbessert."

Auch wenn Illy optimistisch ist, den Konzern in ein vollkommen nachhaltiges Unternehmen umwandeln zu können, gibt er zu: Illy allein kann die ökologischen Schäden des Kaffeeanbaus nicht beseitigen. Der Grund dafür sind die schlechten Margen der Produzenten. Der Illy-Konzern zahlt den ausgewählten Kaffeebauern, von denen er die Bohnen für seine Produkte bezieht, zwar schon seit Langem Preise, die rund 30 % über dem Marktpreis liegen.

Aber in den meisten der 50 Kaffee produzierenden Länder der Welt verdienen die Bauern zu wenig Geld, um nachhaltiger zu wirtschaften."Selbst wenn sie nur niedrige Margen erwirtschaften würden, könnten sie etwas investieren", sagt Illy. Aber niemand kann abschätzen, ob die Verkaufspreise im nächsten oder übernächsten Jahr nicht sogar unterhalb der Produktionskosten liegen. Der Grund dafür liegt darin, dass die Weltmarktpreise für den Rohstoff extrem schwanken. Einen Kredit zu erhalten sei für die Kaffeebauern darum "ein Glücksspiel", sagt Illy. Seine Lösung: mehr öffentlich-private Partnerschaften und mehr ausländische Direktinvestitionen.

Illy ist nicht allein. Auch andere Unternehmen strukturieren ihre Lieferketten um, um nachhaltiger zu werden. Manche erfinden sogar ihre gesamte Produktpalette neu. Procter & Gamble (P&G) etwa versucht, Shampoos, Waschmittel und weitere Reinigungs- und Pflegeprodukte umweltfreundlicher herzustellen, ohne dass seine Kunden bei Bequemlichkeit oder Leistung Abstriche machen müssen.

Die Börse liebt grüne Aktien

Die gute Nachricht für Unternehmer, die nachhaltig handeln wollen, lautet: Sie rennen bei den Konsumenten offene Türen ein. "Nachhaltigkeit wird zunehmend zu einem ausschlaggebenden Punkt bei der Entscheidung für eine bestimmte Marke", sagt Virginie Helias, Chief Sustainability Officer bei P&G. Bereits vor Ausbruch der Coronakrise erklärten neun von zehn Konsumenten, dass sie Produkte von Unternehmen bevorzugten, die sich für soziale oder ökologische Ziele einsetzen. In Studien, die P&G während der Pandemie erhob, erklärten 75 % der Konsumenten, sie würden sich wünschen, dass die Markenhersteller sie darin beraten würden, wie sie ihre Haushaltsführung nachhaltiger gestalten könnten.

Macht sauber, ist bio
Procter & Gamble hat gelernt: Wer seine Kunden für nachhaltige Produkte gewinnen will, muss beweisen können, dass sie dadurch nichts verlieren.

Ein Film veränderte das Leben von Virginie Helias. Als sie vor rund 15 Jahren die Umwelt-Dokumentation Eine unbequeme Wahrheit von Al Gore sah, empfand sie das als einen Weckruf. Und als Leiterin des westeuropäischen Waschmittelgeschäfts von Procter & Gamble (P&G) hatte Helias die Möglichkeit, mehr zu verändern, als etwas gründlicher zu recyceln oder ab und zu mal mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Also startete sie eine Kampagne, die Millionen europäischer Nutzer der Marke Ariel dazu brachte, ihre Wäsche mit niedrigeren Temperaturen zu waschen.

Die "Turn to 30"-Kampagne sorgte auch innerhalb von P&G für Aufmerksamkeit: Helias wurde Chief Sustainability Officer. Ihr jüngster Erfolg: Bereits 2019 setzte das Unternehmen sein eigentlich für das Jahr 2020 angepeiltes Ziel um, dass Konsumenten 70 % aller Waschmaschinenladungen mit niedrigen Temperaturen waschen.

Allein in den USA senkte das die jährlichen CO₂-Emissionen um geschätzte 15 Millionen Tonnen. Das entspricht den Abgasen von drei Millionen Autos. Als nächstes großes Ziel will P&G die Treibhausgas-Emissionen des gesamten Konzerns bis 2030 auf null bringen – zur einen Hälfte durch Reduzierung der Emissionen und zur anderen Hälfte durch Investitionen in Umweltprojekte.

Der Balanceakt dabei ist, die Kunden des 183 Jahre alten Unternehmens nicht zu verschrecken. Denn diese wären eher nicht dazu bereit, Seite an Seite mit Greta Thunberg zu demonstrieren.

"Wer nachhaltig leben will, muss Gewohnheiten und Verhaltensweisen ändern", sagt Helias. "Aber viele Menschen werden das nicht tun, wenn es bedeuten würde, dass sie dafür bei den Produkten Abstriche in puncto Qualität oder Convenience hinnehmen müssten. Besonders ökologisch bewusste Konsumenten mögen das akzeptieren, aber wir machen Produkte für die Massen."

Auch die Wall Street hat ihr Interesse an grün denkenden Unternehmen entdeckt. "Die Investoren begreifen langsam, dass Klimarisiken auch Investment-Risiken sind", sagt Larry Fink, Chairman und CEO der Fondsgesellschaft BlackRock, die weltweit ein Vermögen von 7,5 Billionen US-Dollar verwaltet. Anfang 2020 sagte er: "Investitionen in Nachhaltigkeit sind derzeit das beste Fundament, um das Klienten-Portfolio auszubauen." Und er warnte Unternehmen davor, diese Entwicklung zu ignorieren: "Kapitalmärkte orientieren sich an der Zukunft. Das Kapital wird sich schneller verlagern, als der Klimawandel voranschreitet."

Artikel
Mehr
Portrait of Think:Act Magazine

Think:Act Magazine

München Office, Zentraleuropa