Die Geschichte der Futurologie

Think:Act Magazin “Das Unbekannte”
Die Geschichte der Futurologie

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München Office, Zentraleuropa
23. August 2021

Wie Futurologen versuchen, mit dem Unvorhersehbaren zu kalkulieren

Artikel

von Steffan Heuer
Illustrations von MUTI
Fotos von iStockphoto

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Was wird passieren? Diese Frage faszinierte die Menschheit von Beginn an. Im Angesicht drohender nuklearer Vernichtung wurde aus einer Faszination ein Forschungsfeld.

Der Homo sapiens ist nach der vorherrschenden Meinung die einzige Spezies, die über "die Zukunft" nachdenkt. Nur ist er darin nicht besonders gut, behauptet Nassim Nicholas Taleb in seinem 2007 erschienenen Bestseller Der Schwarze Schwan. Darin argumentiert der frühere Broker, dass "die Welt geprägt ist von Extremen, vom Unbekannten und dem höchst Unwahrscheinlichen [...], wohingegen wir uns mit Smalltalk aufhalten und auf das Bekannte konzentrieren, auf die Wiederholung". Diese Ausreißer bezeichnet er als "Schwarze Schwäne"– nach den seltenen Vögeln, von deren Existenz man in Europa nichts ahnte, bis Reisende sie im 17.Jahrhundert in Australien entdeckten.

"Das Entscheidende im Verlauf der Evolution sind die plötzlichen Überraschungen, Blitze und Sternexplosionen."
FUTUROLOGE UND SENIOR FELLOW
Millennium Project

Talebs Schwarze Schwäne haben drei Eigenschaften: Sie sind selten, haben drastische Folgen und im Nachhinein sind ihre Ursachen für Experten mühelos erklärbar. Ob Börsencrashs, die Anschläge vom 11.September oder der Zusammenbruch der Sowjetunion – rückbetrachtet erscheint jedes dieser Extremereignisse erwartbar. Taleb richtete seine Kritik darum vor allem an die Zukunftsforscher, die nach seiner Ansicht nicht anerkennen wollen, wie fehlerhaft ihre Arbeit ist.

Der Ausbruch der Finanzkrise von 2008 machte Taleb zu einem berühmten Autor und begehrten Vortragsredner. Aber er ist keine Ausnahmeerscheinung in der Geschichte menschlicher Versuche, im Unvorhersehbaren einen Sinn zu erkennen. Taleb steht in einer langen Tradition von Vordenkern, die mehr oder weniger wissenschaftliche Ansätze ausprobierten, um Antworten auf die Frage zu erhalten, wo die nächste Katastrophe lauert – oder auch die nächste große Chance.

78% verlor der Technologie-Index NASDAQ Composite an Wert, als Anfang der 2000er-Jahre die Dotcom-Blase platzte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg das Interesse an Methoden, mit denen sich Zukunftsszenarien entwickeln lassen, die plötzlich auftretende Ereignisse einbeziehen. Die Angst vor der atomaren Auslöschung und der Aufstieg der Computertechnik machte "Futurologie" zu einem anerkannten Beruf mit einem dringenden Auftrag.Theodore Gordon zählte zu den Futurologen der ersten Stunde. In den 1970er-Jahren entwickelte er die Trend-Impact-Analyse (TIA). Dafür kombinierte er quantitative Methoden mit Experteneinschätzungen zu dem, was die Welt noch an Verrücktheiten auf Lager hat. Heute ist er 90 Jahre alt und Senior Fellow am Millennium Project, einem Thinktank, der unter anderem Szenarien für Ereignisse wie die Covid-19-Pandemie entwickelt.

"Es gibt kein perfektes Modell", sagt Gordon, "denn das Entscheidende im Verlauf der Evolution sind die plötzlichen Überraschungen, die Blitze und Sternenexplosionen. "Der Schwarze Schwan war ein wichtiges Buch, weil es die Menschen dazu gebracht hat, Diskontinuitäten wahrzunehmen und ihre entscheidende Rolle anzuerkennen." Er gibt zu: "Diese Wirkung hatte TIA nicht." Vor Gordon gab es andere, die Regierungen, Unternehmen und die Gesellschaft für die Bedeutung von Ausnahmeereignissen sensibilisieren wollten. Was sich in all den Jahrzehnten nicht geändert hat: Mit Schwarzen Schwänen beschäftigen sich vor allem weiße Männer, die in den herrschenden Machtstrukturen verankert sind.

Dieser Mangel an Diversität beeinträchtigt unser Denken über Ausnahmeereignisse und Handlungsoptionen, sagt der Schweizer Zukunftsforscher Gerd Leonhard: "All diese Forschungsarbeiten sind zweifellos wichtig und bauen aufeinander auf, aber wir müssen uns darüber im Klaren sein, wer diese Forschung finanziert. Wir müssen weg von der rein akademischen und militärisch-industriellen Zukunftsforschung.

Die Forschungslandschaft werde zwar diverser, sagt Leonhard, sie brauche aber dringend ein noch viel breiteres Spektrum von Einflüssen – weil die Zukunft in einem immer höheren Tempo auf uns zurast. Er spricht lieber von "Grauen Schwänen", weil wir viele der künftigen Disruptionen bereits sehen, von Klimawandel und mächtigen Technologien wie KI über das Verschmelzen von Mensch und Maschine bis hin zur Gentechnik und zur Götterdämmerung eines Wirtschaftssystems, das vom Wachstum besessen ist. "Durch alles, was wir tun oder lassen, erschaffen wir unsere Zukunft", sagt Leonhard. "Erst dahinter lauern die Dinge, von denen wir wirklich nichts wissen können, wie Kometeneinschläge und Besuche von Außerirdischen."

2 Bio. USD verloren alle globalen Märkte zusammen im Anschluss an das Brexit-Referendum in Großbritannien 2016.

Eine besonders fesselnde und inklusive Methode, Ausreißer der Geschichte zu überdenken, sind Spiele, die diverse Perspektiven einbeziehen. Zum Beispiel "Afro-Rithms from the future", ein Kartenspiel, in dem es vor allem um Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit geht. Entwickelt hat es Lonny Brooks, Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der California State University in Hayward bei San Francisco.

Die Spieler können sich Zukunftsszenarien ausdenken, die "weniger auf weißer Überlegenheit beruhen und mehr auf Geschichten, die aus einer schwarzen Perspektive erzählt werden", sagt Brooks. "Schwarze mussten immer schon Innovatoren und Futuristen sein – sie stellten sich Welten vor, in denen sie Erlösung finden. Darauf können wir zurückgreifen, wenn wir Szenarien entwickeln. Die Karten der Spieler sind unterteilt in "Spannun-gen", "Inspirationen" und "Systemische Zustände". Für ein Spiel, das im Jahr 2030 spielt, schlug ein Teilnehmer vor, Tätowierungen einzuführen, mit denen Menschen ihre Abstammung von Sklaven nachweisen und Reparationszahlungen einfordern könnten.

Brooks hat das Spiel in den letzten drei Jahren weiter verfeinert und arbeitet gerade an einer online-tauglichen Version, die vielleicht sogar mit Virtual-Reality-Brillen gespielt werden kann. Zu den ersten Interessenten gehören Google, der Versicherungskonzern Blue Shield und die UNESCO. Brooks ist überzeugt davon, dass Inklusion zu besseren Vorhersagen und Zukunftsmodellen führt: "Wir könnten dieses Spiel gut in Schulen und Gemeinden einsetzen. Marginalisierte Gruppen könnten damit ihre Visionen für die Zukunft artikulieren, die dann in kulturelle Aktivitäten und Gesetzgebungsinitiativen überführt werden."

Vielleicht sind Crowdsourcing-Ansätze, kombiniert mit den noch nie dagewesenen Mengen von Daten und Analyse-Werkzeugen, über die wir heute verfügen, die beste Vorbereitung auf all die Pandemien und Klimawandel-Folgen, die uns noch bevorstehen. Wie im Wortsinne zukunftsgewandtes Denken aussieht, beschreibt der Autor Kim Stanley Robinson in seinem 2020 erschienenen Science-Fiction-Roman The Ministry for the Future. Die Aufgabe des "Zukunftsministeriums" ist so einfach wie ehrfurchtgebietend: "die Vertretung künftiger Generationen und der Schutz aller jetzt oder zukünftig lebenden Geschöpfe."

Eine kurze Geschichte der Futurologie: Diese Denker fanden neue Wege, um zu erkennen, was vor uns liegt, und vorherzusagen, was danach kommen wird.
Vannevar Bush, "Wie wir denken können" (1945)

Der amerikanische Ingenieur und Wissenschaftler Vannevar Bush war einer der ersten Futurologen. In seinem Buch "Wie wir denken können" prophezeite er 1945 den Siegeszug des PC, das Internet und automatische Spracherkennung. Seine Vision von einem "memex desk", das Informationen speichern und verknüpfen kann, erinnert an unsere heutigen Smartphones.

Bush sah aber nicht nur Entwicklungen der folgenden Jahrzehnte voraus, sondern erkannte auch ihre Nachteile: "Die Wissenschaft hat dem Menschen ein gut eingerichtetes Haus geschaffen, mit dem er eine große Ernte einfahren könnte. Aber er könnte dahinscheiden, bevor er sie für etwas Gutes einsetzt."

Herman Kahn, "Das Undenkbare denken" (1962)

In seinem Buch "Das Undenkbare denken" stellte Herman Kahn 1962 "Was wäre, wenn"-Szenarien für einen Atomkrieg auf. Der Gründer des Thinktanks Hudson Institute hielt diesen prinzipiell für führbar – und wurde darum zum Feindbild der Friedensbewegung und zum Vorbild für den Schurken Dr.Seltsam in Stanley Kubricks gleichnamigem Film von 1964.

Dennoch beeinflusste Kahn mit seinen Theorien jahrzehntelang akademische Diskussionen. Insbesondere wegen seiner systematischen Herangehensweise, bei der er auch die Spieltheorie einsetzte, um außergewöhnliche Ereignisse durchzuspielen, inklusive der totalen Auslöschung der Menschheit.

Alvin and Heidi Toffler, "Der Zukunftsschock" (1965/1970)

Kaum jemand hat das Gefühl wachsender Orientierungslosigkeit so gut in Worte gefasst wie der Journalist Alvin Toffler und seine Frau Heidi (deren Rolle als Co­Autorin stets unerwähnt blieb). "Der Zukunftsschock" hat das Nachdenken über die Zukunft und das Unbekannte popularisiert. Das Buch beschreibt, wie die Zukunft vorzeitig über uns hereinbricht und als ein Kulturschock die Gesellschaft durchfährt; als Beispiele prognostizieren die Tofflers Disruptionen wie den radikalen Wandel der Arbeitswelt und die Suche nach Leben auf extrasolaren Planeten.

Für Silicon­Valley­Guru Paul Saffo hat dieses Buch dazu beigetragen, dass sich nicht mehr nur Experten Gedanken über die Zukunft machen, sondern jedermann.

Buckminster Fuller, "Konkrete Utopie" (1969)

In den 1960er­Jahren verlor die Zukunftsforschung ihren elitären Charakter. Die hochbezahlten Experten aus Regierung und Konzernen bekamen plötzlich Konkurrenz aus verschiedenen Disziplinen. Und die schlug einen drängenden Tonfall an.

Wir stehen vor der Wahl zwischen Utopie und Vernichtung, schreibt der Architekt und Designer Buckminster Fuller in seinem 1969 erschienenen Werk Konkrete Utopie. Welches dieser Schicksale uns bevorsteht, werde sich nach einem Kopf­an­Kopf­Rennen erst im allerletzten Moment herausstellen. Auch Fuller rechnete mit Schwarzen Schwänen, betonte aber, dass die Menschen ihre Zukunft gestalten können. Er glaubte, sie stünden nun vor dem endgültigen Eignungstest für den Fortbestand ihrer Existenz.

John Naisbit, "Megatrends: Zehn Perspektiven, die unser Leben verändern werden" (1982

Für Trendforscher ist John Naisbitts Buch Zehn Perspektiven, die unser Leben verändern werden ein ermutigendes Vorbild. Denn was der Ex­Marine 1982 darin an Disruptionen voraussagte, erscheint uns heute selbstverständlich: Globalisierung, die Verdrängung von Hierarchien durch Netzwerke, der Aufstieg Chinas, die Wissensökonomie. Naisbitt vertrat die Überzeugung, dass aufmerksame Beobachter große Veränderungen bewältigen und sogar davon profitieren können.

Diese eher optimistische Haltung fand 1993 ihr Medium mit der Gründung von Wired: Jede Ausgabe des stilbildenden Magazins ist ein Blick in eine Zukunft, die fast immer Erfreuliches verheißt.

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