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Covid-19 verdeutlicht strukturelle Defizite der Automobilbranche

Covid-19 verdeutlicht strukturelle Defizite der Automobilbranche

25. August 2020

Historischer Einbruch zwingt Hersteller und Zulieferer neue strategische Weichen zu stellen

"Wir reden derzeit über den dramatischsten Einbruch der Branche seit Jahrzehnten"
Portrait of Felix Mogge
Senior Partner
München Office, Zentraleuropa

Covid-19 stellt für die Weltwirtschaft einen nie dagewesenen Einschnitt dar. Auch die Automobilbranche wird hart getroffen und zwar in allen Segmenten: von den OEMs über die Händler bis zu den Zulieferern. Letztere müssen in diesem Jahr mit EBIT-Margen rechnen, die bestenfalls zwischen 0 und 1 Prozent liegen. Dabei ist der Transformationsdruck für die Firmen unverändert hoch. Covid-19 wirkt wie ein Brennglas, das viele Missstände und strukturelle Defizite noch deutlicher aufzeigt. Zulieferer sollten die Krise aber auch als eine Chance sehen, um Themen anzupacken, die sonst weiter auf die lange Bank geschoben worden wären.

Die Zwischenbilanz der Automobilindustrie für das erste Halbjahr 2020 fällt ernüchternd aus. 2019 wurden in Europa noch 17 Millionen Fahrzeuge hergestellt, 2020 werden es mit rund 12 bis 13 Millionen etwa 30 Prozent weniger sein. Stand heute müssen wir davon ausgehen, dass weltweit lediglich rund 70 Millionen Fahrzeuge gefertigt werden. Daher kommen massive Einschnitte auf die Zulieferer zu. Lag die EBIT-Marge zu Hochzeiten 2018 noch bei über 7 Prozent, wird sie in diesem Jahr wohl bestenfalls auf 0 bis 1 Prozent abrutschen. Selbst während der Finanzkrise 2008/2009 wiesen die Unternehmen im Schnitt rund zwei Prozent EBIT-Rendite aus. Diese dürfte 2020 nochmals unterschritten werden.

"Covid-19 wirkt als Beschleuniger für viele Veränderungen, die in der Branche bereits eingesetzt haben."
Portrait of Felix Mogge
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München Office, Zentraleuropa

Kostenreduzierung das Gebot der Stunde

Eine schnelle Erholung der Automobilindustrie in Form eines V-Szenarios halten wir auf globaler Ebene für relativ unwahrscheinlich. Ob es am Ende auf ein U oder ein L hinausläuft, ist aktuell nur schwer zu prognostizieren. Jedenfalls hinterlässt die Krise Spuren in der Bilanz großer Zulieferer. Mittelständische Firmen tragen ein noch höheres Risiko. Für Sie sind kurzfristig gewährte Kredite, auch in Form von stattlichen Hilfen, sinnvolle Instrumente. Aber alle Darlehen, die jetzt gewährt werden, müssen in zwei, drei Jahren auch wieder zurückgeführt werden. Um diese Last schultern zu können, ist Kostenreduzierung das Gebot der Stunde. Zugleich muss über das künftige Geschäftsmodell entschieden werden: Soll das Unternehmen seine Strategie neu ausrichten und in neue technologische Trends investieren, mit allen Risiken, die damit einhergehen? Oder heißt die Entscheidung: Weitermachen mit dem, was Firma groß gemacht und womit sie sich einen soliden Wettbewerbsvorteil geschaffen hat? Im Angesicht der Krise können es sich Unternehmen nicht mehr leisten, diese grundsätzlichen Fragen weiter aufzuschieben, sondern müssen die Weichen stellen und die Organisation konsequent an den getroffenen Entscheidungen ausrichten.

Das Industriebild wird sich in den kommenden drei Jahren deutlich verändern

Covid-19 wirkt als Beschleuniger für viele Veränderungen, die in der Branche bereits eingesetzt haben. Neben der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hängen die Art und Geschwindigkeit dieses Wandels auch sehr stark von politischen Rahmenbedingungen ab: Wir glauben, dass es eine stärkere regionale Fokussierung der Liefer- und Wertschöpfungsketten geben wird. Von einer weitgehenden Renationalisierung kann aus unserer Sicht aber keine Rede sein. Die Globalisierung bleibt am Ende des Tages auch eine wirtschaftliche Frage. Lieferketten werden sich daher tendenziell an der einen oder anderen Stelle ein Stück weit verkürzen und geografisch konsolidieren, aber eher aus dem strategischen Wunsch nach mehr Flexibilität heraus, um im Fall einer Krise schnell reagieren zu können.

Darüber hinaus könnte es insbesondere im Bereich der E-Mobilität einen Wachstumsschub geben, angetrieben durch Initiativen auf europäischer Ebene oder auch nationale Förderprogramme wie in Deutschland. Gegenläufige Entscheidungen wie etwa in den USA machen diese Trends momentan nur schwer abschätzbar.

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