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Lieferengpässe bei Medikamenten durch Coronavirus: Krise mit Ansage

Lieferengpässe bei Medikamenten durch Coronavirus: Krise mit Ansage

25. März 2020

„Die deutsche Pharmaindustrie muss einen Grundstock an Antibiotika im Inland produzieren!“

Global Topic

Corona-Krise meistern

Durch die weltweite Corona-Pandemie stehen in China derzeit etliche Produktionsanlagen für Medikamente und dafür nötige Vorprodukte still. Außerdem haben verschiedene Länder Ausfuhrstopps für bestimmte Produkte verhängt, um die Versorgung der eigenen Bevölkerung sicherzustellen. Bei Medikamenten, vor allem Antibiotika zeigt sich die Anfälligkeit der globalen Arbeitsteilung besonders deutlich. Doch die gibt es nicht erst seit dem Ausbruch des Coronavirus. Morris Hosseini ist Partner im Competence Center Pharma & Healthcare und hat in zahlreichen Studien die Gefahren und Probleme analysiert, die sich aus der Abhängigkeit des Weltmarkts von einigen wenigen asiatischen Medikamentenherstellern ergeben.

Antibiotika und andere wichtige Medikamente werden heute fast ausschließlich in Asien produziert. Nicht nur in Zeiten der Corona-Pandemie drohen dadurch Versorgungsengpässe.
Antibiotika und andere wichtige Medikamente werden heute fast ausschließlich in Asien produziert. Nicht nur in Zeiten der Corona-Pandemie drohen dadurch Versorgungsengpässe.

Sie warnen bereits seit langem vor Versorgungsengpässen bei Antibiotika und anderen Medikamenten. Wo liegt das Problem?

Zahlreiche Wirkstoffe für Arzneimittel werden heute fast ausschließlich in China hergestellt, und noch dazu häufig konzentriert in wenigen Anlagen. Zum Beispiel stammen über 80 Prozent der Vorprodukte für in Deutschland hergestellte Antibiotika aus China. Wenn es da in einer oder mehreren Fabriken Qualitätsprobleme oder Produktionsausfälle gibt, schlägt das unmittelbar auf den Nachschub und die Versorgung in Deutschland durch. Dafür brauchte es also nicht mal eine Corona-Pandemie. Allerdings hat diese die Lage verschärft: Denn etliche Anlagen, in denen diese Vorprodukte hergestellt werden, stehen ausgerechnet in der Provinz Hubei, die vom Coronavirus am stärksten betroffen ist, und können derzeit nicht produzieren. Mit dem hoffentlich weitergehenden Rückgang der Infiziertenzahlen in China werden diese Anlagen jetzt zwar Schritt für Schritt wieder hochgefahren. Aber sie werden wohl zunächst den lokalen Bedarf decken und erst dann wieder exportieren. Damit stehen uns voraussichtlich noch eine ganze Zeitlang Engpässe bevor.

Wie kam es zu dieser Situation? Wir waren doch mal die Apotheke der Welt!

Das stimmt und selbst im ehemaligen Ostblock waren Medikamente keine Mangelware. Zum Beispiel gab es in der DDR Produktionsstätten, die nach der Wende zunächst auch unter marktwirtschaftlichen Bedingungen erfolgreich waren. Aber seit den Achtzigerjahren nutzten westliche Hersteller Indien als günstigen Standort für die Generikaentwicklung und -herstellung und bauten dort eine leistungsfähige Pharmaindustrie auf. Dann beschloss die chinesische Regierung, gezielt in die Arzneimittelherstellung zu investieren, um nicht von anderen Ländern abhängig zu sein. Und was lag näher, als die Kapazitäten der Fabriken auch zu nutzen, um für den Export zu produzieren? Durch niedrige Umwelt- und Sicherheitsauflagen, billige Arbeitskräfte und staatliche Subventionen konnte China die Medikamente so billig auf dem Weltmarkt anbieten, dass die Preise für generische Arzneimittel in Deutschland und Europa extrem gesunken sind. Für eine Tagesdosis Antibiotikum erhält der Hersteller heute je nach Rabatt gerade mal sechs bis sechzehn Cent. Um in Deutschland kostendeckend herstellen zu können, wären aber 46 Cent nötig. Deshalb haben nach und nach alle Hersteller in Deutschland und Europa die Produktion aufgegeben. Die letzten wurden durch gezielte Dumpingaktionen der Chinesen aus dem Markt gedrängt. Inzwischen bezieht selbst die indische Pharmaindustrie 80 Prozent ihrer Vorprodukte aus China.

"Für eine Tagesdosis Antibiotikum erhält der Hersteller heute zwischen 6 und 16 Cent. Um in Deutschland kostendeckend herstellen zu können, wären aber 46 Cent nötig."
Portrait of Morris Hosseini
Senior Partner
Berlin Office, Zentraleuropa

Und wir haben jetzt ein Versorgungsrisiko. Was schlagen Sie als Abhilfe vor?

Die globale Arbeitsteilung und die enge Vernetzung der Welt haben viele Vorteile, aber sie machen uns eben auch anfällig: Lieferstopps können ja nicht nur durch Ereignisse wie die Corona-Pandemie entstehen, sondern auch bewusst für politische Erpressung genutzt werden. Deshalb müssen wir ein Minimum an Selbstversorgung sicherstellen und einen Grundstock an essenziell wichtigen Gütern in Deutschland oder zumindest in Europa selbst produzieren. Bei Wasser, Lebensmitteln, Energie und so weiter tun wir das ja – nur bei wichtigen Medikamenten wie Antibiotika bisher nicht.

Wie soll das gehen? Kein Hersteller kann ein Produkt herstellen, wenn die Preise, die er dafür am Markt erzielt, nicht mal die Produktionskosten decken.

Das ist richtig, wir haben es hier mit einem Marktversagen zu tun. Deshalb muss die Regierung eingreifen und die Rahmenbedingungen so gestalten, dass die Pharma-Hersteller einen Anreiz haben, wieder hier zu produzieren: Das könnte entweder mit Subventionen geschehen – so wie die EU ja auch die Landwirtschaft unterstützt, damit sie kostendeckend arbeiten und die Lebensmittelversorgung sicherstellen kann. Oder indem der Staat die Bereitstellung von Produktionskapazitäten vergütet – so wie er es am Strommarkt tut. Beides wäre mit überschaubaren Kosten machbar: Wir haben das für zwei wichtige Vorprodukte von Antibiotika mal ausgerechnet, die im Moment vor allem in China hergestellt werden, Penicilline und Cephalosporine – 80 Prozent der Antibiotika beruhen auf diesen beiden Wirkstoffgruppen. Um den deutschen Bedarf an Cephalosporin kostendeckend hier vor Ort zu produzieren, bräuchten die Hersteller Zuschüsse in Höhe von 55 Millionen Euro pro Jahr. Bei Penicillin ist die Größenordnung ähnlich. Im Vergleich zu den knapp 400 Milliarden Euro, die das Gesundheitssystem insgesamt kostet, sind das Peanuts.

Können die Krankenkassen auch etwas beitragen?

Man könnte natürlich einfach sagen, die Kassen sollen höhere Preise zahlen und dafür die Hersteller auf eine heimische Produktion verpflichten. Das ist aber eigentlich nicht die Aufgabe der Kassen. Sie müssen mit den Geldern ihrer Versicherten haushalten und daher die Kosten niedrig halten. Es führt also kein Weg daran vorbei, dass der Staat die passenden Rahmenbedingungen setzt.

Kurzfristig ist das aber nicht zu erreichen und löst daher das aktuelle Problem nicht. Was würde jetzt unmittelbar und schnell helfen?

Neben den Produktionsausfällen in China gibt es noch andere Gründe für die aktuellen Nachschubprobleme bei Antibiotika und anderen medizinischen Gütern: Zum Beispiel Exportstopps, wie sie etwa Indien für Antibiotika-Vorprodukte oder Deutschland für Schutzkleidung verhängt haben. Auch die Logistik ist im Moment durch geschlossene Grenzen und unterbrochene Lieferketten erschwert. An diesen Stellschrauben können wir durchaus drehen, indem zum Beispiel schnellstmöglich eine EU-weite Koordinierung der Verteilung und der Grenzmaßnahmen erfolgt. Nicht zuletzt sind auch Hamsterkäufe ein Problem: Viele Menschen decken sich zurzeit panisch mit Medikamenten ein, die dann an anderer Stelle fehlen. Hier sind die Ärzte gefragt, die beraten und nur bei tatsächlichem Bedarf Rezepte ausstellen sollten. Aber all dies hilft eben nur begrenzt, wenn der Nachschub auf Produzentenseite hakt. Deshalb nochmal: Die Corona-Pandemie muss Anlass sein, das Thema sofort entschlossen anzugehen und die Weichen zu stellen, damit lebenswichtige Medikamente und medizinisch unverzichtbare Produkte wieder in Deutschland und Europa produziert werden!

"Die Corona-Pandemie muss Anlass sein, endlich die Weichen zu stellen, damit lebenswichtige Medikamente und medizinisch unverzichtbare Produkte wieder in Deutschland und Europa produziert werden."
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Morris Hosseini
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