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Think:Act Magazin "Spielregeln für Regelbrecher"
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16. April 2019

Der Status des Silicon Valley als Drehscheibe für Hightech wird durch die Transformation der Branche in Frage gestellt

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von Shila Meyer-Behjat

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"Spielregeln für Regelbrecher"

Das Silicon Valley war die Heimat der Innovation. Doch seine Vormachtstellung wankt. Denn heute bieten Technologie-Cluster auf der ganzen Welt Unternehmern das, was einst den Erfolg des Valleys begründete.

Es hätte anders kommen können. Als die Technologiebranche noch in den Kinderschuhen steckte, war nicht klar, dass einmal eine Gegend in der Bay Area, knapp 30 Fahrminuten von San Francisco entfernt, das führende Innovationszentrum der Welt werden würde – das Silicon Valley. Denn es gab einen mächtigen Rivalen: den Technologie-Cluster entlang der Route 128, die um Boston herumführt.

Lange Zeit stritten beide Regionen um die Führungsrolle. In Boston wurde das Venture-Kapital in seiner heutigen Form erfunden, die Bay Area wurde zur Heimat von Innovation und Disruption. Aber Ende der 80er-Jahre hatte das Valley seinen Konkurrenten abgehängt. 1994 untersuchte AnnaLee Saxenian, heute Dekanin der Berkeley School of Information, die Ursachen dafür in der Studie Regional Advantage. Deren Kernaussage fasst Innovationsexperte und Stadtplaner Richard Florida so zusammen: "Im Valley führte ein dezentrales Netzwerk von Technologieunternehmen und Industrie dazu, dass sich Innovationen, Zusammenarbeit und kollektives Lernen entwickelten."

Route 128 war von hierarchisch aufgebauten Unternehmen dominiert, die stark auf Loyalität setzten und wenig davon hielten, wenn Mitarbeiter kündigen oder eigene Unternehmen gründen wollten. Im Silicon Valley sah man dies anders: Start-ups wie Cypress Semiconductor, Sun Microsystems und Cirrus Logic waren flexibel und diversifiziert, sodass sie problemlos auf wechselnde Bedürfnisse des Marktes reagieren konnten.

In beiden Regionen gab es Universitäten mit bedeutenden Forschungs- und Lehrprogrammen im Ingenieurwesen. Aber Stanford und UC Berkeley, die Universitäten der Bay Area, bemühten sich deutlich stärker darum, mit regionalen Firmen zusammenzuarbeiten, als dies ihre Ostküsten-Pendants MIT und Harvard taten. Und auch Hewlett-Packard prägte den Stil des Silicon Valley, indem es Start-ups willkommen hieß und sie sogar unterstützte. Der Route-128-Gegenspieler DEC hingegen verschloss sich weitgehend der regionalen Wirtschaft.

Route 128: Die Businessweek gab der 93 Kilometer langen Straße nahe Boston den Namen "Magischer Halbkreis". Hier etablierte sich 1955 der erste Technologie-Cluster der USA.

Der Rest ist Geschichte. Die Bay Area wurde zum Synonym für Technologie-Innovationen – und zum Sitz von drei der größten Unternehmen der Welt, die zusammen einen Marktwert von 2,5 Billionen US-Dollar erreichen: Apple, der Google-Mutterkonzern Alphabet und Facebook. 1996 erschien die Saxenian-Studie als Buch. Inzwischen gilt es als Standardwerk zu Start-up-Ökosystemen. Auch, weil es nicht nur die Gründe für den Erfolg des Valleys analysierte, sondern auch vorhersah, dass dieses eine weltweit uneinholbare Stellung einnehmen würde. Doch heute, im Jahr 2019, wären kleine Überarbeitungen angebracht.

Ein ganz praktisches Problem des Silicon Valley von heute beschrieb jüngst ein Investmentfonds-Manager in einem Artikel für den Economist: "Wie soll man ein Start-up in einer Garage gründen, wenn die Garage ein paar Millionen Dollar kostet?" Der Erfolg hat dem Valley das dritthöchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt beschert – aber auch die höchsten Lebenshaltungskosten in den USA. Obendrein haben Technologie und Digitalisierung zu einer weltweiten Gründungswelle von Tech-Unternehmen geführt. Eine Folge davon war, was man im Valley den "Aufstieg der anderen" nennt: Städte und Regionen in den USA bauten Technologie-Hubs, Kommunen lockten Unternehmen mit Steueranreizen und niedrigen Lebenshaltungskosten an und kleinere Universitäten bemühen sich zunehmend darum, Unternehmertum und Technologie zu fördern. Beispielsweise Seattle, das texanische Austin, New York und das "Research Triangle" von North Carolina.

Eine weitere Folge war globaler Wettbewerb. "Noch Mitte der 90er-Jahre floss fast das gesamte globale Risikokapital in US-Firmen", sagt Stadtplaner Florida: "Das hat sich drastisch verändert. In den vergangenen fünf Jahren gab es weltweit einen rasanten Anstieg von Gründungen und Investments, insbesondere in Europa und Asien."

Heute können Hightech-Gründer Risikokapital einwerben, ohne ihre Heimatstadt oder ihr Heimatland verlassen zu müssen. Und zum Teil ermöglichen dies ebenjene Technologien, die im Valley erfunden wurden, sagt Vivek Wadhwa, Professor an der Carnegie Mellon School of Engineering: "Das Silicon Valley ist nicht weniger innovativ als früher – aber der Rest der Welt hat von ihm gelernt und tritt nun in einen Wettbewerb. Der einzige wirkliche Vorteil des Valleys besteht in seinen Netzwerken, seiner Diversität, seiner offenen Kultur, seiner Risikobereitschaft und seinem Mentorentum – der Bereitschaft, einander zu unterstützen. Aber der Rest der Welt wird auch das lernen."

10 der 12 größten Internet-Investitionen des Jahres 2017 flossen in asiatische Firmen wie Meituan, Toutiao, Ofo and Koubei aus China. Die zwei verbleibenden Unternehmen sitzen in den USA: Uber und Airbnb.

Einige Start-up-Ökosysteme konzentrieren sich auf nationale Märkte – beispielsweise in China oder Indien. Andere, aus kleineren Märkten, agieren von Anfang an global – so wie die meisten Start-ups aus Tel Aviv oder Stockholm. "Natürlich gibt es Faktoren, die für Erfolg oder Misserfolg von Start-up-Ökosystemen entscheidend sind, etwa die Verfügbarkeit von qualifizierten Mitarbeitern und Kapital, ein nennenswerter Zielabsatzmarkt und eine gute technologische Infrastruktur", sagt Thomas Funke von der Frankfurter Goethe-Universität. "Aber wie wichtig jeder der Faktoren ist, ist höchst unterschiedlich. Nicht nur Technologien entwickeln sich in rapidem Tempo, sondern auch die Voraussetzungen für Innovation."

Rebecca Fannin, Chefin von Silicon Dragon Ventures, das Nachrichten über Start-up-Hubs jenseits der Bay Area veröffentlicht, sagt: "Zehn der zwölf größten Finanzierungen für Internetfirmen des Jahres 2017 betrafen Unternehmen aus Asien." Zwei der zehn wichtigsten Internet-Unternehmen, die 2017 an die Börse gingen, stammen laut Rise-Capital-Gründer Nazar Yasin aus Lateinamerika. Und es sieht so aus, als ob mehr Städte und Regionen folgen werden. "2001 habe ich eine Verschiebung von nerdigen Vororten wie dem Silicon Valley zurück in die Städte vorhergesagt", bemerkt Florida, "das ist längst eingetreten." In seinem neuesten CityLab-Report listet er Beispiele von 300 urbanen Clustern in 60 Ländern auf, die weltweit Investoren und Gründer angezogen haben.

Wie viel stimmt also heute noch von den Thesen, die die Saxenian-Studie einst aufstellte? "Ich glaube, dass es auch heute noch immer auf dieselben Punkte ankommt: die Kultur, die Diversität und die Gründergemeinschaft", sagt Wadhwa. "Aber früher lag die Ursache für den Erfolg in der Offenheit und Zusammenarbeit der Start-ups im Valley. Heute müssen Gründer sich mit der ganzen Welt vernetzen. Durch das Internet und andere Technologien ist das ja sehr einfach geworden."

"Mitte der 90er-Jahre floss fast das gesamte globale Risikokapital in US-Firmen. Das hat sich drastisch verändert."
Portrait of Richard Florida
Innovationsexperte und Stadtplaner

Eine der wichtigsten Zutaten bleibe eine Atmosphäre, die Innovation und Gründergeist beflügelt, sagt Florida: "Um ein gutes Start-up-Ökosystem zu erschaffen, braucht man eine tolle Stadt und Investitionen in vier T: Technologie, Talent, Toleranz und Town – also die Lebensqualität der Stadt. Chinesische Städte können riesige Summen aufbringen, aber ich glaube, die Zukunft liegt in Orten wie London Berlin, Toronto, Paris, Sydney, Stockholm, Amsterdam und, ja: auch in New York und San Francisco." Aber vielleicht kommt es ja völlig anders. "Vielleicht sollten wir nicht darüber nachdenken, welches Ökosystem als nächstes an erster Stelle liegen wird", sagt Funke, "sondern wer das nächste große Problem lösen wird."

Könnte sich das Silicon Valley verwandeln? In einen Ort, der nur noch für Start-up-Archäologen von Interesse ist? Einer berühmten Garage ist es bereits so ergangen. Sie steht in Palo Alto und war 1939 der Geburtsort von Hewlett-Packard, dem Unternehmen, das den ersten Computer baute. Heute beherbergt die Garage ein Museum. Es ist ein Denkmal für die Geschichte der Innovation im Valley. Aber jetzt, da dessen Vormachtstellung ins Wanken gerät, ist es gleichzeitig ein Warnsignal. Dafür, dass Innovatoren stets in Bewegung bleiben müssen. Im Wortsinn.

Top 20: Die weltweit besten Standorte für Innovationen

Die "Global Startup Ecosystem Study" ermittelte die 20 besten Standorte für Gründer (2017). Kriterien waren unter anderem die Verfügbarkeit von Kapital und Mitarbeitern, die Größe des Marktes und der Erfahrungsschatz der Community, etwa in Gestalt von Programmierern, Investoren und Seriengründern.

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Veröffentlicht März 2019. Vorhanden in
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