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Was, wenn die derzeitigen Inflationsraten nicht vorübergehend sind?

Was, wenn die derzeitigen Inflationsraten nicht vorübergehend sind?

22. Dezember 2021

Das Adjektiv "vorübergehend" hat gute Chancen, zu einem der Wörter des Jahres 2021 gewählt zu werden. Zumindest im Kreis von Notenbankern und Analysten. Während Fed-Präsident Jerome Powell vor kurzem seine Ansicht revidierte, die aktuelle Inflationsrate von 6,8 Prozent in den USA sei ein "vorübergehendes" Phänomen und damit Spekulationen über eine bevorstehende, straffere Geldpolitik der Fed befeuerte, hält die EZB bislang an ihrer Einschätzung fest, die derzeitige Inflationsrate sei ein vorübergehendes Phänomen.

Die "scientific community" der Ökonomen ist sich uneinig, ob uns die derzeit hohen Inflationsraten auch in den kommenden Jahren erhalten bleiben. Während beide Lager gute Gründe für ihre jeweilige Einschätzung haben, stellen wir uns in der vorliegenden Publikation die Frage, welche wirtschaftlichen Konsequenzen eine anhaltend hohe Inflation für Unternehmen, Volkswirtschaften und Verbraucher hätte.

Doch zunächst zu den nackten Zahlen: Sowohl in den USA als auch in Europa befindet sich die Inflationsrate derzeit auf einem Rekordhoch. In den USA hat sich die Inflation seit 1982 nicht mehr auf einem derart hohen Wert bewegt; und für Europa gilt: seit dem Bestehen der Eurozone war die Preisteuerung noch niemals so hoch wie aktuell.

Die Gründe für diesen Anstieg sind vielfältiger Natur: Da ist erstens der sogenannte "Basiseffekt" zu nennen, also ein statistischer Effekt, der sich daraus ergibt, dass zur Ermittlung der aktuellen Inflationshöhe der Preis für einem bestimmten Warenkorb mit dem entsprechenden Preis genau 12 Monate zuvor verglichen wird. Nun waren aber die Preise vor genau einem Jahr, also auf einem Höhepunkt der Pandemie, außergewöhnlich niedrig. In Deutschland verdankte sich dieses niedrige Preisniveau auch der seinerzeitigen Senkung der Mehrwertsteuer. Dieser "Basiseffekt" muss also bei der Bewertung der Frage, ob die aktuelle Inflationshöhe vorübergehend oder dauerhaft ist, stets berücksichtigt werden.

Ein zweiter Grund für die derzeitige Inflationshöhe sind die stark gestiegenen Energiepreise . Bei den Ölpreisen macht sich dieser Trend derzeit besonders deutlich bemerkbar. Auch bei der Bewertung dieses Phänomens muss freilich erneut die Ausgangslage berücksichtigt werden: "Lockdowns" und die damit verbundenen Produktionsausfälle führten 2020 zu einem historischen Tiefstand bei den Ölpreisen. Doch seit Anfang 2021 kennt die Entwicklung des Ölpreises nur noch eine Richtung: steil nach oben. Diese Hausse sollte jedoch in ihrem historischen Kontext gesehen werden: Aktuell ist der Ölpreis von seinem historischen Höchststand 2008 noch weit entfernt.

Drittens ist schließlich die Tatsache zu nennen, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage derzeit das gesamtwirtschaftliche Angebot übertrifft. Während die unerwartet schnelle Erholung der Weltwirtschaft im vergangenen Jahr dazu führte, dass die Nachfrage deutlich stieg, konnte die Produktion des Angebots damit nicht Schritt halten: was sowohl an Lieferengpässen als auch an einem Arbeitskräftemangel liegen dürfte. Zahlen der EU zeigen sehr deutlich, dass sich die Entwicklung für Nachfrage und Angebot seit dem vierten Quartal des Jahres in eklatanter Weise auseinander entwickeln.

Über die genannten Gründe und ihre genaue Gewichtung wird derzeit heiß debattiert: Diejenigen, die sagen die Inflation sei nur vorübergehend so hoch, stehen denjenigen gegenüber, die befürchten, dass wir in den nächsten Jahren dauerhaft höhere Inflationsraten erleben werden.

Die Mehrheit der Analysten geht für 2022 von Inflationsraten zwischen 2,5 und 3,2 Prozent für die Eurozone und zwischen 2,0 und 4,8 Prozent für die USA aus. Diese Prognosen sind niedriger als die Werte am Ende dieses Jahres, aber andererseits eben auch höher als die durchschnittlichen Inflationsraten der letzten Jahre. Allerdings würden sich auch solch höhere Inflationsraten noch innerhalb der Zielkorridore von EZB und Fed bewegen, da die zwei Zentralbanken eine durchschnittliche Inflation von 2 Prozent anstreben und nach vielen Jahren des Unterschreitens nun ein Überschreiten des Inflationsziels vertreten könnten.

Damit nun zur entscheidenden Frage: Was passiert, wenn sich die aktuellen Inflationsraten längerfristig auf dem aktuellen Niveau halten würden?

Eine erste Folge würde sich sehr rasch und für alle unmittelbar spürbar einstellen: Höhere Preise verringern die Kaufkraft der Verbraucher und sorgen so dafür, dass diese weniger konsumieren , was sich negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirkt. Der Rückgang der Kaufkraft birgt zudem die Gefahr, eine Lohn-Preis-Spirale in Gang zu setzen. Am Beginn der 70er-Jahre etwa galoppierten in Deutschland Inflationsentwicklung und Entwicklung der Löhne synchron in die gleiche Richtung. Erst durch eine restriktive Geldpolitik, d.h. durch höhere Zinsen und eine Verknappung der Geldmenge bei gleichzeitig zurückhaltenden Lohnforderungen der Gewerkschaften konnte diese Entwicklung gestoppt werden.

Höhere Preise wirken sich zweitens aber nicht nur auf die Konsumenten, sondern auch auf die Unternehmen aus. Steigen die Preise für Input-Faktoren, wie Vorprodukte oder die gerade genannten Löhne, erzielen die Unternehmen geringere Gewinne. Sie werden also ihrerseits die Preise erhöhen. Damit droht ein Teufelskreislauf in Gang zu geraten, der sich nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig schädlich auf das Wachstum auswirken wird.

Zuletzt bestünde eine dritte Konsequenz einer dauerhaften Inflation darin, dass Käufe und Ausgaben vorgezogen werden, da Konsumenten wie Unternehmen lieber heute billig statt morgen teuer einkaufen wollen. Dies führt dazu, dass sich Nachfrage und Angebot immer stärker auseinander entwickeln. Auch die Sparquote wird dann sinken, was – zumindest theoretisch – zu höheren Zinssätzen führen müsste. (Unbegrenztes "quantitative easing" setzt diesen Konnex, wie wir derzeit sehen, freilich außer Kraft).

Fazit: Niemand vermag derzeit zu sagen, wie lang sich die Inflationsraten in Europa und USA auf ihrem derzeitigen Rekordhoch halten. Wenn es allerdings in den nächsten Monaten zu keinem nennenswerten Rückgang der Inflation kommt, dann wären damit die skizzierten Gefahren für die Realwirtschaft verbunden – mit erheblichen Konsequenzen für Verbraucher und Unternehmen.

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Was, wenn die derzeitigen Inflationsraten nicht vorübergehend sind?

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Während Fed-Präsident Jerome Powell vor kurzem seine Ansicht revidierte, die aktuelle Inflationsrate von 6,8 Prozent in den USA sei ein "vorübergehendes" Phänomen und damit Spekulationen über eine bevorstehende, straffere Geldpolitik der Fed befeuerte, hält die EZB bislang an ihrer Einschätzung fest, die derzeitige Inflationsrate sei ein vorübergehendes Phänomen.

Veröffentlicht Dezember 2021. Vorhanden in
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